Maria de Rudenz

[Oper] Gothic Novel trifft Belcanto: Deutsche Erstaufführung von „Maria de Rudenz“ in Gießen

Da ich diese Spielzeit schon im Konzert im Stadttheater war und Schauspiel mit „Jakob der Lügner“ genossen habe, fehlt nur noch eine Oper, und wenn ich Gaetano Donizetti lese, dann bin ich sofort dabei. Insbesondere, da Maria de Rudenz“ mal wieder eine deutsche Erstaufführung ist. Allein das reizt mich schon.
Leonard Lampert machte die Einführung, und als er das Wort „Gothic“ erwähnte, war das für mich ein positiver Trigger, wie wenn jemand sagt, dass die AfD unter 5 % liegt. Seine Äußerung, kommt nicht von ungefähr: Das Libretto von Cammarano basiert auf „La nonne sanglante“ (Die blutige Nonne) von Anicet-Bourgeois/de Mallian sowie auf Motiven aus „The Monk“ von Matthew Gregory Lewis – einem der Gründungswerke der englischen Schauerliteratur (Gothic Novel). Wenn dann Maria de Rudenz mit ihrem Freund abhaut, weil der Vater es nicht will, und dann in den Katakomben lebendig begraben wird – und noch dazu damit gedroht wird, dass jemand Nonne wird…


Maria de Rudenz stirbt sogar mehrmals in dem Stück, wenn man mitzählt, dass sie noch vor der eigentlichen Oper lebendig begraben werden sollte. Es war also wirklich eine interessante Einführung, und ich war, wie so oft, sehr neugierig auf das, was da kommt. Wie würde das Ensemble sein, würde das, was Leonard Lampert versprochen hatte, auch wirklich eingelöst werden?


Als erstes war der Gesang von Matilde di Wolff zu hören. Annika Gerhards sang ganz leise, aber trotzdem glockenklar. Zu sehen war sie allerdings noch nicht, schließlich lebt sie noch im Kloster. Sie sollte am nächsten Tag Corrado di Waldorf heiraten, gesungen von Dmitry Lavrov. Er war der Erste, der wirklich auf der Bühne sichtbar war. Diese Baritonstimme war sofort da und hat mich wirklich umgehauen.

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Als dann auch noch Enrico di Waldorf, gesungen von Eleazar Rodríguez, mit ihm zusammen in der ersten Szene auftrat, war ich vollends hin und weg. Diese Stimme, gepaart mit der Ausdrucksstärke seines Spiels – man kann es einfach nicht viel besser machen. Ich war da wirklich schon in der ersten Szene, gerade bei den ersten Arien, und dachte: Was ist das denn?


Ich habe mir ja schon oft größere Rollen mit mehr Gesangsparts für Clarke Ruth gewünscht, und die Rolle des Rambaldo ist endlich mal so eine. Er steht oft auf der Bühne und singt wirklich viel. Vor allem am Anfang, zusammen mit Maria de Rudenz, gesungen von Julia Araújo, die als Maria nach fünf Jahren Tod wieder unter den Lebenden weilt und sich für das Kloster bereit macht, da sie glaubt, schuld am Tod ihres Vaters zu sein, genauso wie sie noch immer ihrer Liebe zu Corrado nachtrauert, den sie ebenfalls verloren glaubt. Sie hat auch keine Lust mehr auf das Erbe und gönnt Matilde im ersten Moment alles Glück der Welt. Erst als sie von Rambaldo erfährt, wen Matilde heiratet, erwachen ihre Lebensgeister wieder.

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Vom Text her hatte sich das nicht so ganz erschlossen. Wobei mir das ja auch passieren kann, dass ich mal einen Übertitel nicht lese. Vom Spiel her hat es sich doch wesentlich mehr erschlossen, da Julia Araújo und Clarke Ruth es wirklich sehr gut rüberbringen.


Dass Maria dann die erste Hochzeit zwischen Matilde und Corrado stört, ist klar. Dass auch Enrico seine Chance sieht, bei Matilde zu landen, da er ebenfalls in Matilde verliebt ist, ist nur zu gut zu verstehen. Es kommt auch noch dazu, dass Maria etwas über Corrado weiß und ihn damit erpresst, und dann noch ein zweites Mal stirbt. Also alles recht verworren. Ob es dann noch zur Hochzeit kommt und Matilde ihren Corrado heiratet, das solltet ihr selber in Stadttheater Gießen herausfinden.


Wer sich aber im Grusel- und Gothicbereich ein wenig auskennt, der weiß, dass da eine für tot Geglaubte vielleicht doch noch mal um die Ecke kommt. Ihr merkt: Es ist richtig abgefahren, was sich Gaetano Donizetti und Salvadore Cammarano 1838 ausgedacht haben.


Matilde ist gesanglich auch immer wieder präsent, aber während Maria aggressiv und laut ist, ist Matilde immer etwas zarter, wenn sie singt. Sie ist ein ganz anderes Wesen als Maria, und das merkt man im Gesang genauso wie an der Kleidung und am Auftreten. Ich glaube, dass Enrico und Corrado sich in Matilde verliebt haben, hat auch etwas mit dem Beschützerinstinkt zu tun, den sie in einem weckt. Wobei auch Maria ihre zarten Momente hat, sie versteckt sie nur mehr.
Komme ich langsam zum Schluss: Was den Opernchor betrifft, kann man sagen, was man will, aber was der jedes Mal auf die Bühne zaubert, ist wahnsinnig gut.
Was das Orchester betrifft, zeigte sich das gleich nach der Pause wieder die Qualität. Die Klarinette hatte ihren großen Auftritt, indem man minutenlang zuhört, wie sie einen auf das weitere Stück einstimmt und vorbereitet. Das ist jedes Mal großes Theater, was dieses Orchester im Graben leistet. Was Herr Schüller da verlangt, ist jedes Mal Perfektion.


Wobei Perfektion – das ist etwas, das mich dieses Mal komplett aus dem Theatersessel gehauen hat: dieses Bühnenbild! Ich hatte das Gefühl, diese Bühne sei doppelt so groß und breit wie eigentlich. Der Wechsel der Orte, an denen man sich gerade befand, gelang durch die Drehbühne wirklich perfekt. Ich überlege kurz: Da war der Schankraum, der Saal im Schloss, in dem auch geheiratet wurde, das Lesezimmer, in dem Maria und Corrado ihre große Szene hatten und Maria das zweite Mal starb, und dann noch das Schlafzimmer der beiden Verheirateten. Und was soll ich sagen? Wenn Heike dieses Mal dabei gewesen wäre, wäre auch ihr genug „Plüsch“ geboten gewesen. Denn dazu kamen noch die ganzen Kostüme, Kleider, die wirklich perfekt waren – es hat mich wirklich fasziniert, und ihr merkt es: umgehauen! Das muss man gesehen haben. Es ist wirklich so, dass ich in den letzten Jahren schon einiges gesehen habe, aber dieses Mal hat sich jeder Part selbst übertroffen.


Ich habe nun schon einiges im Stadttheater erlebt und gesehen, auch schon oft Standing Ovations. Ich bin mir aber nicht sicher, wo es länger und lauter Applaus gab: bei der „Addams Family“ oder doch bei „Maria de Rudenz“? Selbst Menschen aus dem Stadttheater waren sich danach nicht sicher, wie oft man einen solchen Applaus schon erlebt hat. Und ich weiß es auch nicht. Es war grandios! Jeder Schauspieler, Musiker, Mensch hinter und vor der Bühne hat jede Sekunde Applaus mehr als verdient. Wenn ihr ein wenig Grusel mögt und Opernmusik liebt, dann ab ins Stadttheater Gießen. Ihr werdet es nicht bereuen, sondern es eher bereuen, wenn ihr nicht in dieses Stück geht.

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