Kurzgeschichten

  • LITL829 [Interview] „Wär nicht das Auge sonnenhaft?“ – Charles Hohmann über Ahnung, Erkenntnis und Epiphanien

    Charles Hohmann erläutert den Titel seines Buches „Wär nicht das Auge sonnenhaft?“ Er geht auf Goethes Formulierung zurück, die wiederum mit Plotins Philosophie verbunden ist: Menschen können demnach nur erkennen, wofür sie bereits eine innere Vorahnung haben. Der Untertitel der neuen Ausgabe, Epiphanien, verweist auf Momente, in denen eine solche Ahnung eintritt und das Verständnis der Figuren verändert.

    Im Gespräch geht es darum, wie persönliche Erfahrungen und Wissen die Lektüre prägen. Hohmann beschreibt zugleich ein wiederkehrendes Spannungsverhältnis in seinen Geschichten: Menschen versuchen, Ordnung herzustellen, während die Wirklichkeit in Bewegung bleibt und diese Ordnung wieder auflöst. Zu den Beispielen zählt eine Szene, in der Platon, Aristoteles und Kant mit Einstein und einem indischen Mönch diskutieren. Dabei treffen westliche Philosophie, moderne Physik und indische Denktraditionen aufeinander.

    Hohmann erzählt von seiner eigenen Verbindung zu Alexandria, wo er geboren wurde und aufwuchs. Die Stadt und ihre Geschichte prägen mehrere seiner Bücher. Im Gespräch sprechen beide über die antike Bibliothek von Alexandria, mittelalterliche Kopierräume und die besondere Ruhe von Lesesälen. Auch die sinnliche Erfahrung des gedruckten Buches wird dem Lesen am Bildschirm gegenübergestellt.

    Ein weiterer Schwerpunkt ist der Umgang mit künstlicher Intelligenz beim Schreiben und Recherchieren. Hohmann nutzt KI unter anderem für historische Informationen und Übersetzungen, betont aber die Bedeutung menschlicher Prüfung und Bearbeitung. Beide sprechen darüber, dass automatisiertes Schreiben die eigene Auseinandersetzung mit einem Buch nicht ersetzen soll.

    Das Interview behandelt außerdem Religion, Spiritualität und gemeinsame menschliche Konstanten. Hohmann vergleicht religiöse Vorstellungen und Visionserfahrungen und spricht über die Bedeutung von Empathie sowie darüber, historische Menschen im jeweiligen Kontext zu verstehen. Als Beispiel für eine mögliche Begegnung von Kulturen schildert er eine Geschichte um Plotin, der auf einer Reise mit buddhistischen Mönchen in Kontakt kommt.

    Zum Schluss sprechen sie über Begegnung und Literatur, Hohmanns Weg zum Self-Publishing sowie die Autorinnen und Autoren, die ihn geprägt haben, darunter Goethe, Rilke, Stefan Zweig und Hermann Hesse. Als besonders wichtige Geschichte seines Buches nennt er das abschließende Kapitel über Sprache: Sie eröffnet einen Zugang zur Wirklichkeit, kann sie aber zugleich verdecken.

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    [Rezension] Wär‘ nicht das Auge sonnenhaft, … – Charles Hohmann

    Charles Hohmanns literarische Miniaturen zwischen Ägypten, Geschichte und Philosophie Klappentext: Zwischen Tempeln, Wüsten und Denklandschaften entfaltet Charles Hohmann eine Sammlung literarischer Miniaturen, in denen Geschichte und Philosophie ineinandergreifen. Seine Figuren – Priester, Gesandte, Gelehrte – stehen an Schwellen: zwischen Ordnung und Zerfall, Wissen und Zweifel, Erinnerung und Verlust. In präziser, poetischer Sprache zeigt dieses Buch,…

  • LITL661 [Podcast] Schach, Stadt und Seele: Wie Patrick Süßkind eine packende Geschichte erzählt

    In dieser Episode befassen wir uns mit dem Buch „Ein Kampf“ von Patrick Süßkind, illustriert von Jean-Jacques Sempé. Die Erzählung spielt in einem idyllischen Park in Paris, wo zwei Männer eine packende Schachpartie im Jardin du Luxembourg austragen. Auf der einen Seite steht ein genialischer Emporkömmling, der überzeugt von seinem Können und seinem Aufstieg ist. Auf der anderen Seite sehen wir einen alten Champion, der in seinen bewährten Denkmustern gefangen ist. Im Mittelpunkt steht die Frage, wem das Publikum seine Gunst schenken wird, und wessen König als erster fällt.

    Ich teile meine persönliche Rezension und gebe Einblicke in die Kunst des Geschichtenerzählens. Meine Leidenschaft für Kurzgeschichten wird durch die Verbindung zu Schach noch verstärkt. Besonders in dieser Erzählung ist mir der Kampf der beiden Charaktere lebhaft vor Augen getreten. Ich konnte die Reaktionen des Publikums auf die Züge der Spieler unmittelbar spüren und nachempfinden. Süßkind schafft es meisterhaft, die Dynamik zwischen einem Neuling und einem erfahrenen Schachspieler darzustellen. Dieses Aufeinandertreffen ist für jeden Schachliebhaber eine spannende Erfahrung, da man die Züge mental nachvollziehen und möglicherweise sogar eigene Strategien entwickeln kann.

    Die Emotionen des Underdogs werden stark betont, insbesondere wenn er gegen einen Champion antritt, der über lange Zeit das Spielfeld dominiert hat. Diese Atmosphäre wird noch verstärkt durch die Kulisse von Paris, die nicht nur das Setting, sondern auch das Lebensgefühl und die Personen auf beeindruckende Weise einfängt. Die bildhaften Beschreibungen der Stadt begleiten die spannende Schachpartie und ziehen den Leser in das Geschehen hinein.

    Ein besonderes Highlight sind die Illustrationen von Jean-Jacques Sempé, die dieser Geschichte eine zusätzliche Dimension verleihen. Die Zeichnungen stammen aus verschiedenen Werken von Sempé und harmonieren wunderbar mit der Erzählung. Sie scheinen speziell für dieses Buch geschaffen worden zu sein und bringen ihren eigenen Charme mit. Meine Begeisterung für die Machart des Buches ist ungebrochen, denn es ist eine rundum gelungene und detailverliebte Präsentation. Es lässt mich wünschen, ähnliche Kurzgeschichten in diesem eleganten Stil zu sehen.

    „Ein Kampf“ wurde 2019 im Diogenes Verlag veröffentlicht und ist bereits für 20 Euro erhältlich. Diese Episode bietet nicht nur eine Rezension des Buches, sondern taucht auch tief in die Faszination des Schachspiels und die Kunst des Erzählens ein.

  • LITL627 [Podcast] Kindliche Weisheiten und Großelternfreuden in Markus Fenners "Enkelszungen"

    In dieser Episode befassen wir uns mit „Enkelszungen“, einem bemerkenswerten Buch von Markus Fenner, das als Leitfaden für glückliche Großeltern konzipiert ist. Dabei geht es nicht nur um die lustigen Sprüche von Enkeln, die oftmals mit ernster Miene ausgesprochen werden, sondern auch um die wertvollen Erinnerungen und Anekdoten, die Großeltern über die Jahre sammeln. Markus, der als Haya-Opa bekannt ist, hat über einen Zeitraum von 15 Jahren die charakteristischsten Ausdrücke und witzigsten Worte seiner drei Enkel Paul, Leo und Lilly dokumentiert, und wir diskutieren die tiefere Bedeutung hinter diesen Kindersprüchen.

    Anhand von persönlichen Erlebnissen und originellen Sprüchen beleuchtet Markus die Vergesslichkeit vieler Eltern, wenn es darum geht, die humorvollsten Anekdoten ihrer Kinder festzuhalten. Hier setzt Fenner als Chronist an und teilt die Entwicklung seiner Enkel, beginnend mit Paul, der in den ersten fünf Jahren das einzige Kind war. Dies spiegelt sich nicht nur in der Erzählstruktur des Buches wider, sondern auch in den charakteristischen Gegenständen, die auf humorvolle Weise den einzelnen Kindersprüchen zugeordnet sind. Das Schaukelpferd repräsentiert Pauls Zitate, während Leos und Lillys Äußerungen je nach zugeordnetem Spielzeug präsentiert werden.

    Darüber hinaus gehen wir auf die philosophischen Gedanken ein, die Markus geschickt in seine Erzählungen einfließen lässt. Ein prägnanter Vergleich, den er anstellt, beschreibt Enkeln als Eisberge, bei denen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede erst durch das bessere Verständnis der Kinder hervorgerufen werden. Markus reflektiert über seine eigene Erfahrung als Vater und erörtert, wie Beziehung und Erziehung oft von Niederlagen und Herausforderungen geprägt sind, die jedoch auch durch die Freuden der kindlichen Entwicklung aufgewogen werden können.

    Das Buch ist nicht nur eine amüsante Sammlung von Kindersprüchen, sondern auch ein aufschlussreicher Leitfaden für aktive Großeltern – und solche, die es werden wollen. Die Erzählungen sind durchzogen von einem tiefen Gefühl der Liebe und Zuneigung, die Markus für seine Enkel empfindet, und sie laden die Leser dazu ein, selbst aktiv zu werden und die witzigsten Enkelszungen ihrer eigenen Familien festzuhalten. Wir schließen mit der Hoffnung, dass Markus‘ Wunsch in Erfüllung geht und dieses Buch viele Großeltern inspiriert, ihre eigenen wertvollen Erinnerungen festzuhalten und damit eine Vielzahl von glücklichen Kindheitserinnerungen zu bewahren.

    „Enkelszungen“ von Markus Fenner ist im Jahr 2017 im Medu-Verlag erschienen und bleibt mit einem Preis von 12,95 Euro eine unterhaltsame und lehrreiche Lektüre für alle Großeltern und Eltern.