LITL776 [Podcast] Jo und der Sound des Widerstands: Ein Gespräch über „Mauerpogo“ mit Sonja M. Schultz
In diesem Interview diskutieren Markus Eggert und Sonja M. Schultz über ihr neuestes Buch „Mauerpogo“, das die Punkkultur in der DDR beleuchtet. Eggert äußert seine Überraschung über die Existenz von Punk in der DDR, was ihm zuvor unbekannt war, und vorstellt, dass es dort Bands wie Schleim-Keim gab. Schultz erklärt, dass die Idee zu ihrem Buch vor mehr als sechs Jahren entstand, als sie nach dem Schreiben ihres ersten Romans das Bedürfnis verspürte, eine weibliche Hauptfigur zu entwickeln, die stark und intelligent ist. Ihre Recherche führte sie zu einer Freundin, die eine beeindruckende Punk-Vergangenheit hatte, und diese Erzählungen flossen in die Entwicklung ihrer Hauptfigur Jo ein.
Der Dialog entfaltet sich weiter, als Eggert darauf hinweist, dass Punkbewegungen in der DDR, trotz der repressiven Umstände, letztendlich alle Jugendbewegungen erreichten. Schultz erklärt, dass Punks in der DDR für den Staat staatsfeindlich waren, während westliche Kleidung teilweise toleriert wurde, jedoch nicht immer ohne Konsequenzen. Durch die Schaffung der fiktiven Stadt Eisenwerda wird das Bild einer prototypischen DDR-Stadt entworfen, die sowohl sozialistische Monumente als auch den Einfluss der Punkkultur reflektiert. Von Chemnitz inspiriert, beschreibt Schultz auch mit Bezug auf die Architekturen, die die Propaganda fördern sollte, die Lebensrealität von Jugendlichen im Widerstand gegen das System.
Schultz erklärt die Dynamik innerhalb der Familie von Jo, der Hauptfigur. Der Gegensatz zwischen dem materialistisch orientierten Vater, der im staatlichen System verankert ist, und der rebellischen Tochter wird intensiv beleuchtet. Auch die Figuren ihrer Geschwister repräsentieren verschiedene Ansichten und Positionen innerhalb des Systems und der Rebellion. Zudem wird angesprochen, dass die Beschreibungen der Gruppendynamik und der Rituale wie des Neptunfests in der DDR sowohl für viele eine schöne Erinnerung sein können als auch traumatische Erlebnisse beinhalteten.
Mit einem kritischen Blick auf die gesellschaftlichen Bedingungen der Zeit thematisieren Eggert und Schultz die Gefahren des politischen Extremismus und die Absicherung von grundlegenden Freiheiten in der heutigen Gesellschaft. Sie diskutieren die Notwendigkeit von Zivilgesellschaft und politischem Engagement, um gegen die Rückkehr autoritärer Strukturen anzukämpfen. Gleichzeitig wird die Wichtigkeit von Musik und Kultur als Ausdrucksform des Widerstands und der Identität betont.
Das Interview schließt mit einer Reflexion über die Verantwortlichkeiten von Schriftstellern in Bezug auf historische und gesellschaftliche Themen und darüber, wie relevante Erfahrungen und Erzählungen in die eigene kreative Arbeit einfließen. Schultz betont, dass die Erlebnisse der DDR-Punks stark in ihrer Erzählung verankert sind und sie hofft, damit ein Bewusstsein für die Vergangenheit und aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen zu schaffen.