Last Park Standing

[Theater] Last Park Standing oder alles ist möglich auch in der Türkei

Und wieder grüßt das Stadttheater, das Kleine Haus mit der Aufführung des Stückes „Last Park Standing“ ein Schauspiel von Ebru Nihan Celkan. Diesmal tue ich mir mit der Einführung etwas schwer, aber nicht, weil die Einführung schlecht war, sondern weil ich nicht wirken möchte, als wolle ich mich einschmeicheln, da sie von Simone Sterr, der Intendantin des Stadttheaters, selbst gestaltet wurde. Die Technik hat hier so ihre Tücken gehabt. Die Anlage hat noch Musik eingespielt, während sie bereits gesprochen hat, aber das war innerhalb von Sekunden geklärt. Und nun komme ich zu etwas, was ich bewundere, komplett freies Sprechen. Da war kein Text, kein Papier da. Sie nimmt einen mit in den Gezi Park 2013 und erzählt über den Park, der gerodet werden soll und in dem dann die Proteste für ein freieres Land entstanden. Was daraus geworden ist, wissen wir leider alle. Es hat leider nicht lange angehalten bzw. Erdogan hat es irgendwie geschafft, das alles niederzuknüppeln. Sie erzählt von den beiden Frauen, Umut und Janina, die sich kennenlernen und verlieben. Sie erzählt von den fünf Jahren zwischen Euphorie im Juni 2013, der Hoffnung im Juni 2015 und der Ernüchterung im Jahre 2018. Sie betrachtet sowohl die die Türkei allgemein, aber auch die Liebe zwischen Umut und Janina. Aber ich schweife schon wieder ab und greife vor. Für mich eine perfekte Einführung. Ich hatte zu 100% das Gefühl, Frau Sterr kennt das Stück komplett. Sie benötigt keinen Text. Sie hat es offenbar einfach im Laufe der Zeit komplett verinnerlicht. Mich beeindruckt es einfach, wenn Menschen frei über das reden können, was sie machen und vorstellen.

Am Anfang ist es irgendwie gespenstisch im Keller des Kleinen Hauses. Man sieht graue Wände und Mauern auf der Bühne. Dazwischen gibt es Gras wie in einem Park. Man lernt erstmal Umut, gespielt von Nina Plagens, zusammen mit Ahmet, ihrem besten Freund, kennen, der von Levent Kelleli gespielt wird. Es ist eine Demo im Gezi Park und man hat mit den beiden das Gefühl, dass alles möglich ist. Umut erzählt Ahmet auch von ihrer neuen Liebe Janina, die von Zelal Kapcik gespielt wird.

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Es wird wieder viel mit Videotechnik gearbeitet, so dass man immer wieder weiß, in welchem Jahr und wo man sich befindet.

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Sehr schnell lernt man diese besondere Liebe von Umut und Janina kennen und man sieht und fühlt diese Liebe immer wieder auf der Bühne. Da ist diese hibbeliche Umut, die am liebsten die ganze Welt umarmen will und immer wieder gegen die Welt spielt. Hier werden regelmäßig die Spielstände genannt, z.B. Umut 1: Welt 2. Man spürt diesen Aufbruch der Menschen in Istanbul. Dieses Weltoffene ist klar zu spüren, auch wenn man sagen muss, dass es in Deutschland für eine gleichgeschlechtliche Beziehung wesentlich einfacher ist, als in der Türkei.

Man kann in der Öffentlichkeit nicht Händchen halten, oder sich küssen. All dies ist nicht möglich. Es wird einfach nicht gestattet, auch wenn ich immer wieder höre, dass es auch in Deutschland auch in Gießen teilweise immer schwieriger werde. Leute, wenn sich eine Frau in eine Frau verliebt oder ein Mann in einen Mann, dann ist es halt so. Wo die Liebe hinfällt… Liebe kann man nicht steuern, genauso wenig wie sich Umut da steuern kann. Sie erinnert mich immer wieder an mich selbst, wenn ich am Anfang einer Beziehung war. Dieses alles Aufsaugen wollen und ich habe mich da wirklich komplett wiedergefunden. Das ist dann auch wirklich stressig für das Umfeld und genau so stressig ist Umut auf der Bühne. Janina ist da ein bisschen ruhiger und abgeklärter, aber in manchen Situationen keinen Deut besser. Da fliegt sie nach Istanbul und ist so nervös, dass sie einen Gin Tonic nach dem anderen trinkt und man schon vom Zuhören einen leichten drall beim Gehen bekommt. Ihr wisst was ich meine?

Dazwischen gibt es immer wieder diese Angst, die man um Ahmet und Umut hat. Ahmet ist auch immer wieder im Gefängnis und man spürt in seinem Wesen eine starke Veränderung. Immer weniger glaubt man an diesen Satz: Alles ist möglich, welcher am Anfang immer wieder gesagt wird.

Immer mehr spürt man diese innere Zerrissenheit von Umut und Janina, diese Zweifel des Umzugs nach Berlin von Umut. Diese hat immer wieder das Gefühl, in der Türkei gebraucht zu werden und man realisiert, dass Menschen aus der LSBT*Q Bewegung und andere Demonstranten aus dem Gezi Park verschwinden.

Man merkt aber auch, dass Umut an ihrer Heimat hängt. Das kenne ich im Kleinen auch ziemlich gut. Ich war mal mit jemandem aus NRW zusammen und ganz ehrlich, selbst das war später unüberbrückbar. Da waren bestimmte Dinge einfach nicht miteinander vereinbar.

Es sind wieder 90 Minuten, die einen total fordern. Viele Themen werden angeschnitten und sie sind aktueller denn je zuvor. Was mir aber gerade bei den letzten beiden Stücken auffiel (Last Park Standing & Mädchenschule), es wurde trotz der schweren Themen wieder viel mehr gelacht. Dies lag oft an der Situationskomik, die durch die Schauspieler wunderbar vermittelt wird. Ja, am Anfang waren die Stimmen in manchen Situationen etwas leise und ich bin mir nicht sicher, ob man die Schauspieler auch in den letzten Reihen gut gehört hatte. Es ist schwierig einzuschätzen, da man manche Dinge einfach etwas leiser sagt und deswegen bin ich mir nicht so sicher, wie man dies besser hinbekommen könnte, ohne dass einem bei den normalen oder etwas lauteren Stellen die Ohren wegfliegen, wie so oft im Kino.

Im Allgemeinen habe ich mich in dem Verhalten von Umut mehr wiedergefunden als bei Janina, weswegen ich über sie etwas mehr geschrieben habe, aber die Leistung von Janina war trotzdem sehr gut. Die Figur Janina ist halt etwas analytischer als Umut.

Für mich ist es ein Stück nicht nur für LSBT*Q oder für Türken, es ist ein Stück, welches für mich einfach eine innere Zerrissenheit darstellt, die man in der Liebe auch immer wieder hat und auch im Kampf um seine Überzeugungen. Es ist bei beidem irgendwann nicht mehr sicher, ob das der richtige Weg ist. Ich kann nur sagen, steht auf für eure Liebe und für eure Überzeugung und dann ist sicherlich auch in der Türkei irgendwann mal alles möglich.

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