[Interview] mit Anthony McCarten über das Buch: Ich bin ein hundertprozentiger Zero
- Worum geht es in ihrem Roman?
Anthony McCarten: Ich stamme aus einer Zeit, zu der es noch möglich war, vom Radar zu
verschwinden und sich allen Einflüssen zu entziehen, außer denen, die man von sich aus
an sich heranließ. Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist ein immer größeres, unkontrolliertes
Maß an Überwachung aufgekommen, eine unterschwellige Einflussnahme – das ist eins
der großen Themen unserer Gegenwart. Was bedeutet Privatsphäre heute noch? Sind
meine Ansichten und Einstellungen überhaupt noch meine eigenen, oder wurde ich
manipuliert? Ich glaube, die erste Idee zu diesem Thriller hatte ich im Sommer 2016, aber
es dauerte eine Weile, bis er Gestalt annahm. - Wie haben Sie für den Roman recherchiert? Haben Sie sich alles ausgedacht, oder
basiert er auf realen Vorkommnissen?
Anthony McCarten: Zu neunzig Prozent kann man ja heutzutage online recherchieren.
Überwachungskapitalismus ist ein Riesenthema, viele haben Kluges über die zukünftigen
und gegenwärtigen Gefahren geschrieben. Ein Handlungsfaden des Romans ist von einer
wahren Geschichte inspiriert, die mich interessierte, über einen Amerikaner namens
Robert Levinson, einen CIA-Agenten, der verschwunden war. - Sind Sie selbst in den sozialen Netzwerken aktiv?
Anthony McCarten: Nein. Da bin ich ein hundertprozentiger Zero. - Hat sich ihr Verhältnis zum Thema Datenschutz im Laufe des Schreibprozesses
verändert?
Anthony McCarten: Meine Wut wurde höchstens noch größer, je mehr ich mich damit
beschäftigte. Die Liste der positiven Veränderungen, die das Digitalzeitalter uns beschert
hat, ist endlos, aber es gibt einen großen und dringlichen Bedarf an neuer Gesetzgebung,
die dafür sorgt, dass die Firmen sich nicht so viel erlauben können und keinen so großen
Schaden anrichten. Die Demokratie wird immer weiter ausgehöhlt, ganz zu schweigen von
den Massen an Fake News, von Identitätsdiebstahl, Hassrede im Netz und dem Schaden,
den die sozialen Medien der zerbrechlichen Psyche junger Menschen zufügen. - Halten Sie ein Projekt wie FUSION für realistisch? Und was würden Sie tun, wenn Sie
wirklich untertauchen müssten?
Anthony McCarten: Mehr als nur realistisch, so etwas geschieht bereits. Vielleicht nicht so
zentral organisiert, so umfassend, aber es geschieht. Was ich mir für mich persönlich
ausgedacht habe, wenn ich untertauchen müsste, steht alles in dem Roman. Wäre mir
sonst noch etwas eingefallen, stünde es auch dort. - Gibt es die perfekte Balance zwischen allgemeiner Sicherheit und persönlicher Freiheit /
Demokratie und Überwachungsstaat?
Anthony McCarten: Es muss ja nicht gleich perfekt sein. Aber es muss besser werden,
durch politische Intervention und vielleicht auch durch öffentlichen Protest. Die Firmen
müssen ihre Mechanismen offenlegen, es muss Klarheit darüber herrschen, was mit
unseren persönlichen Daten geschieht. Es sollte Standards geben, die jede Software
erfüllen muss, bevor sie im öffentlichen Raum eingesetzt werden darf – genau wie es bei
Lebens- oder Arzneimitteln der Fall ist. - Wie haben Sie es geschafft, sich in die Hauptfigur, die einen als Leser:in immer wieder
überrascht, so gut hineinzuversetzen?
Anthony McCarten: Natürlich muss ihr Innenleben für mich nachvollziehbar sein. Und ich
habe die Handlung so gestaltet, dass sie immer wieder vor neuen Herausforderungen
stand, sodass sie auch immer wieder neue innere Ressourcen entdecken musste. Sie
musste sich selbst überraschen, wenn sie die Leser:innen überraschen sollte. - Sie schreiben Drehbücher für Hollywood, vor Kurzem die Verfilmung von Whitney
Houstons Leben als Biopic in die Kinos. Gibt es auch schon Pläne, Going Zero zu
verfilmen?
Anthony McCarten: Natürlich kann ich mir Going Zero gut als Film vorstellen, und
tatsächlich haben mich schon auch mehrere bekannte Hollywood-Schauspielerinnen
wegen der Hauptrolle angesprochen. Wenn heutzutage ein erfolgversprechendes Buch
neu auf den Markt kommt, dann ist, vorab und im Hintergrund, Hollywood offenbar
immer der erste Leser.
(c) Diogenes Verlag 2023 Interview von Stephanie Uhlig