Stadttheater Gießen

[Konzert] Paganini und noch viel mehr im Stadttheater Gießen

Ich wurde heute schon an der Arbeit vorgewarnt, einer meiner Kulturlogengäste war am Abend vorher beim Previewkonzert zu diesem Sinfoniekonzert. Er wollte mich erstmal aus Glatteis führen, aber er kam doch sehr schnell ins Schwärmen. Egal ob es nun die Moderation von Herrn Andreas Schüller war, oder das Klavierspiel von Wataru Hisasue – er war noch Stunden später vollkommen hin und weg. Daher mein kleiner Tipp: Sie kommen aus Gießen, wollen etwas über klassische Musik lernen und dies so, dass es jeder versteht? Gehen sie doch einfach einmal in das Previewkonzert am Tag vor jedem Sinfoniekonzert in Gießen.

Wenn Sie eine Karte für das Sinfoniekonzert haben, gehen sie natürlich hin, aber vielleicht sollte man auch mal dem Previewkonzert eine Chance geben. Ich kenne viele Menschen, die immer wieder zu den Previewkonzert gehen wollen und dies dem eigentlichen Sinfoniekonzert vorziehen, weil es doch etwas lockerer ist.

Wobei locker, da sind wir dann schon bei der Einführung des letzten Sinfoniekonzertes. Christian Förnzler machte es mal wieder richtig gut. Er brachte diesmal Musikbeispiele zu jedem Stück, welches am heutigen Abend gespielt wurde und erläuterte, worauf man achten sollte. Dies kann man machen und es ist auch eine gute Idee, nur ist die Anlage des Stadttheaters klanglich im Foyer nicht gerade für klassische Musik gebaut. Sie kommt klanglich nicht an das Live-Erlebnis ran. Aber es lockert das Ganze unwahrscheinlich auf und es ist ein toller Ansatz. Christian Förnzler macht seine Sache wirklich gut, das einzige was ich bemängle ist, dass man ihn nicht so gut versteht, wenn es voll ist, aber man kann ihm trotzdem sehr gut folgen. Da sind wir dann wieder bei dem Problem mit der Zeit. Wenn man ihm aufmerksam zuhört, wobei er wirklich viel Interessantes über die Komponisten und Stücke erzählt, ist die Zeit danach echt knapp bis zum Konzertbeginn. Es kam mir allerdings heute so vor, als hätte man die Türen ein wenig später geschlossen.

Es wurde ein wilder Abend, den ich auch Stunden später noch nicht verdaut habe und ich glaube ich werde morgen noch Paganini auf der Wolke besuchen und ihm von diesem Abend erzählen. Als erstes war Boris Blacher am Start. Er hat 1947 Orchestervariationen über ein Thema von Niccolò Paganini komponiert. Blacher kannte ich bis heute Abend nicht, aber das Thema von Paganini kennt wohl jeder, der Musik mag. Was diese Musiker da gegeben haben, war phantastisch. Ich wäre am liebsten während der kurzen Pausen aufgestanden und hätte applaudiert. Diese Musik und das Engagement der Musiker waren unglaublich, wobei mir da schon ein wenig aufgefallen ist, dass die Klarinetten und Flöten heute ihren großen Abend hatten. Ich kann es gar nicht mehr in Worte fassen, wie fein abgestimmt diese beiden Instrumente klingen. Ich war da schon verliebt. Schon da wurde mir immer klarer, dass diese Kombination zwischen Andreas Schüller und unserem Philharmonischen Orchester immer besser wird von Konzert zu Konzert.

Als dann Watura Hisasue auf die Bühne kam, sollte dieser Abend sogar noch mal besser werden. Es ist unglaublich, mit wieviel Gefühl dieser Pianist die Variationen über ein Thema von Paganini für Klavier und Orchester gespielt hat. Dieses stammt aus der Feder von Witold Lutoslawski aus dem Jahr 1978. Er hat mit einer solchen Leidenschaft gespielt, dass man von Minute zu Minute mehr spürte, wie sehr er die Musik liebt. Es war so, als ob er jeden Tag mit diesem Orchester spielen würde. Ich bekomme von diesem Stück vor der Pause noch immer Gänsehaut. Diese Präzision und dieses Gefühl von Watura Hisasue im Zusammenspiel mit Andreas Schüller und dem Orchester waren umwerfend. Ich wäre gerne noch ein wenig sitzen geblieben. Es war als würde einen die Musik umhüllen. Man hat Watura Hisasue nicht von der Bühne gehen lassen, immer wieder wurde er nach vorne geholt, so dass er mal eben eine Zugabe gespielt hat. Ich hatte das Gefühl, in seinem Gesicht sämtliche positiven Gefühle zu sehen, als er vor der Pause raus kam und dann besagte Zugabe gegeben hat.

Ich war letztlich froh, dass ich raus konnte. Ich musste einfach meine Gefühle selbst ordnen. Dass klassische Musik (nur live, nicht über eine Anlage, da fehlen mir oft das Gefühl und die Stimmung) in mir was auslöst kannte ich schon, aber heute das war noch mal eine andere Baustelle.

Nach der Pause gab es das Klavierkonzert Nr. 1 in Des-Dur op. 10 aus dem Jahre 1911 von Sergei Prokofjew. Wie sich Watura Hisasue da langsam in die Musik gewiegt hat und wie er sein Klavierspiel wieder in diesem präzisen und harmonischen Zusammenspiel mit unserem Philharmonischen Orchester gezeigt hat, war einfach hervorragend. Ich höre es mir gerade in einer Fassung von den Berliner Philharmoniker an und da ist es wieder, es fehlt da dieser besondere Funke, dass besondere dieses Zusammenspiels. Ich finde immer mehr, klassische Musik muss man erleben und fühlen und sich darauf einlassen, nicht nur aus der Konserve hören. Vielleicht ist das, was ich gerade höre, von der musikalischen Qualität her besser, aber es fehlt da dieses Besondere, dieses Miteinander, wenn man Musik erlebt.

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Watura Hisasue gab noch eine Zugabe. Stellenweise war er sehr am Schwitzen, genauso wie Andreas Schüller und sicherlich der eine oder andere Musiker auf der Bühne auch. Ich habe immer das Gefühl, die Musiker lassen an so einem Abend immer alles auf der Bühne. Ich sehe diesen Pianisten, der sich immer wieder verbeugt und jeder Musiker der hinter ihm steht gönnt ihm den Applaus. So sah es zumindest von meinem Sitzplatz aus aus.

Nun kamen wir zu Kurt Weil und seiner Sinfonie Nr. 2. Kurt Weil kennt man aus der Dreigroschenoper, welche am Ende der Weimarer Republik entstand. Kurt Weil ist von Berlin nach Paris und weiter nach Amerika geflüchtet. 1933 hat er eben diese Sinfonie geschrieben. Da war das Philharmonische Orchester noch mal alleine gefordert und bis auf ein paar Noten von der Posaune war es wie der Rest des Abends auch einfach umwerfend. Ja, dies wäre mir vielleicht nicht aufgefallen, wenn der Rest des Abends nicht so harmonisch und in meinen Ohren nahezu perfekt gewesen wäre. Dann wären mir diese ein oder zwei Sekunden gar nicht aufgefallen. Es war eine Passage, in der die Posaune einen leichten Schmelz hatte. Es war als wären die Lippen kurz nicht an der richtigen Position gewesen. Ich habe das ganz kurz im Ohr gehabt und ich mache dem Musiker keinen Vorwurf, bei jedem anderen Konzertabend wäre mir dies nicht aufgefallen, aber heute. Dafür muss ich einfach sagen, was das Blech und das Holz, im Besonderen die Klarinette und Flöte da ein Zusammenspiel gezeigt haben, war WOW! Ich bin schockverliebt, dass die Klarinette viel mehr kann, wie das was man allgemein so hört, ist mir ja schon lange ein Begriff, aber dieses Spiel, was ich am heutigen Abend bei dieser Sinfonie gehört habe, war für meine Ohren wie von einem anderen Stern.

Was ich in den letzten Sinfoniekonzerten erlebt habe, oder auch Opern, was das Orchester mit den Sänger/innen da bietet, ist in meinen Augen richtig gut. Andreas Schüller und die Musiker haben etwas geschafft, was mein Musiklehrer nicht geschafft hat. Ich habe mir 12-Tonmusik angehört und war zwar angetan, aber nicht begeistert. Jetzt haben sie mir auch noch die Angst vor neuerer Klassischer Musik genommen. Ich freue mich schon jetzt auf das nächste Konzert. Ich finde, dass in der Musiksparte sehr viel richtig läuft. Es gibt die Previewkonzerte, wo viel gelacht und gelernt wird, Opern, auf die man sich freut und die nicht überall gespielt werden, Was mir in den Vorstellungen, egal ob nun Oper oder Konzert auffällt, ist dass ich viele jüngere Menschen im Theater, in den Premieren und Konzerten sehe. Es ist vollkommen egal, wie man rein geht. Ich habe dort Menschen mit Turnschuhen und so gesehen, es gibt die Menschen mit Sakko und Krawatte genauso wie die junge Studentin, die eine Tasche dabei hat, in der auch ein Buch liest. Es sind Menschen um die 20 Jahre dagewesen, genauso wie die Oma oder der Opa mit 80 oder 90. Es ist vollkommen egal, man genießt zusammen, man lacht zusammen und staunt zusammen. Egal was für ein Geschlecht, Nationalität oder Alter, dies alles habe ich heute gesehen und wurde mir vom Previewkonzert berichtet. Und ich glaube Paganini und die anderen Komponisten freuen sich alle über so einen Zuspruch wie beim 2. Sinfoniekonzert im Stadttheater Gießen.

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