[Interview] Tahara – Humor ist der Klebstoff, der die Scherben zusammenhält – Emanuel Bergmann
- Ihr Roman Tahara führt uns mitten in das Geschehen rund um das Filmfestival in
Cannes. Sie waren selbst 18 Jahre als Filmjournalist tätig. Wie viel von Ihren eigenen
Erfahrungen floss in den neuen Roman ein?
Emanuel Bergmann: Sehr viel, ohne meine beruflichen Erfahrungen hätte ich ihn nicht
schreiben können. Schon als ich noch Filmjournalist war, hatte ich immer mal Lust, etwas
darüber zu schreiben, ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern und von der
Presseseite der Filmwelt zu erzählen. Ich fand das immer sehr schillernd – und
gleichermaßen schräg. Aber ich hatte nie die richtige Geschichte, und ich denke, jetzt habe
ich sie gefunden. Für mich war es spannend, eine Welt zu beschreiben, die ich gut kenne
und die man nicht so oft sieht. Man hat zwar eine ungefähre Vorstellung davon, wie
Filmjournalismus funktioniert, wie Interviews funktionieren, aber wahrscheinlich weniger
von den schrägen Charakteren, den Details und davon, wie der Laden wirklich läuft.
- Wie kam Ihnen die Idee zu diesem Roman?
Emanuel Bergmann: Die Geschichte hat einen wahren Kern. Ich hatte tatsächlich einmal in
Cannes beim Frühstück in meinem Hotel eine Frau kennengelernt, mit der ich zwar keine
Liebesbeziehung hatte, aber mit der mich während der Festivaltage eine überraschend
innige Freundschaft verbunden hat. Wir waren zwei verlorene Cineasten-Seelen, die sich
für die Dauer des Festivals gefunden haben. Diese Frau hatte in der Tat eine Tragik im
Herzen, etwas Geheimnisvolles, und die Begegnung mit ihr hat mich damals sehr berührt.
Ich hatte eigentlich nie daran gedacht, etwas darüber zu schreiben, bis das Film-Magazin,
für das ich gearbeitet habe, im Zuge der Covid-Pandemie nicht mehr weitergeführt werden
konnte und wir für eine der letzten Ausgaben zum Abschied noch einmal den Leserinnen
und Lesern unsere persönlichsten Erlebnisse erzählen durften. Da fiel mir diese Geschichte
wieder ein, und mir kam der Gedanke, dass da ein Buch drinstecken könnte. Ein Roman,
der zwar nicht wahr, aber trotzdem wahrhaftig ist. Eine Liebesgeschichte ist natürlich viel
interessanter als eine bloße Bekanntschaft. So habe ich mich entschlossen, aus dem Kern
dieser Begegnung eine Liebesgeschichte zu spinnen. - ›Tahara‹ bezeichnet im Hebräischen wie auch im Arabischen das Stadium der
rituellen Reinheit. Der Trubel bei den Filmfestspielen Cannes auf der einen und
dieser sakrale Akt auf der anderen Seite – wie verhalten sich diese beiden Themen im
Roman zueinander?
Emanuel Bergmann: Der erste Artikel des großen Filmkritikers Marcel Klein ist ja eine
Fälschung. Marcel, der ein angespanntes Verhältnis zu seinem Vater hatte, konnte nicht
den Mut aufbringen, zur Beerdigung seines Vaters zu gehen. Stattdessen fabuliert er sich
in seinem Artikel seine eigene Wahrheit zurecht. Die ›Tahara‹ wird vollzogen, um
gereinigt vor Gott treten zu können. Dieses Stadium der Unschuld möchte Marcel
wiedererlangen, was er innerhalb des Geschichtenerzählens, innerhalb seiner Lügen zu
erreichen versucht. Damit schließt sich natürlich der Bogen zu Cannes und zur Filmwelt:
das Kino ist ja eine wunderschöne Illusion – Héloise nennt es die Wahrhaftigkeit unserer
Träume. Das Kino als leibhaftiger Traum, der für Menschen wie Marcel und auch
Menschen wie mich, begreiflicher, sinnlicher, logischer und vor allem übersichtlicher sein
kann als das echte Leben.
Marcel lebt im Grunde ein falsches Leben. Wie Adorno zu sagen pflegte, kann es kein
wahres Leben im Falschen geben. Und so prallen in der Geschichte diese zwei Pole in
einem Spannungsfeld aufeinander. Der Zusammenbruch des Kartenhauses aus Lügen
ereignet sich natürlich nicht zufällig bei einem Event wie den Filmfestspielen, bei dem
Illusionen und Glamour gefeiert werden. Und trotzdem gelingt es Marcel auf eine gewisse
Weise am Ende des Romans die Rückkehr zur Reinheit und zur Unschuld zu vollziehen,
indem er die Totenwäsche, die er viele Jahre zuvor in seinem Artikel erfunden hat,
nachholt. Und zwar an der krebskranken Héloise, einem Menschen, der zwar noch lebt,
aber der dem Tod ins Auge blickt. Als mir der Titel Tahara in den Sinn kam, sah ich diese
Waschung in der Badewanne des Hotelzimmers vor mir. Und alles fügte sich plötzlich wie
bei einem Puzzle nahtlos zusammen. - Für Ihren Protagonisten Marcel Klein bietet das Kino einen Fluchtort vor der
Wirklichkeit. Ist das etwas, das Sie mit ihm teilen?
Emanuel Bergmann: Marcel ist eine Figur, die natürlich von mir inspiriert ist, obwohl ich
glaube, dass ich als Mensch ganz anders bin als er. Aber viele seiner
Charaktereigenschaften – die guten wie die schlechten – sind solche, die ich zumindest
anteilig auch in mir selber finde und die ich für den Roman dann übertrieben oder verzerrt
habe. Aber was ich nicht übertrieben oder verzerrt habe, ist seine Liebe zum Kino, die ich
teile. Während einer Pressekonferenz, an der ich teilgenommen habe, nannte Martin
Scorsese das Kino eine Kathedrale, einen heiligen Raum. Er sagte in etwa: »Kino ist ein
Staunen über die Welt, ein belebtes Erstaunen.« Und so sehe ich das auch. Für mich ist es
etwas ganz Besonderes, etwas Heiliges, etwas Wunderbares. Das Kino ist auch für mich
eine Flucht aus der Wirklichkeit, es war immer schon die bessere Realität in meinem
Leben. Ich könnte ohne Bücher leben, weil ich im Notfall meine eigenen Bücher
schreiben kann, aber ich könnte nicht ohne Kino leben. - Sowohl bei Marcel als auch bei Héloïse schlummern Geheimnisse unter der
Oberfläche. Wie sind Sie bei der Figurenentwicklung vorgegangen?
Emanuel Bergmann: Ich habe ja 18 Jahre lang Interviews geführt. Wenn man das richtig
macht, dann kann ein Interview eine zauberhafte Begegnung sein, ein Rendez-vous, ein
Herantasten an einen Menschen. Es kann ein Verständnis geben, ein gegenseitiges
Annähern, das wirklich magisch ist. Ich dachte mir, ich könnte das, was ich beim
Interviewführen gelernt habe, bei meinen Figuren anwenden, um sie von Anfang an besser
kennenzulernen, sie besser zu verstehen und ihnen mehr Konturen und Widerhaken und
auch mehr Tiefe zu verleihen. Also habe ich einen Fragenkatalog ausgearbeitet. Ich muss
dazu sagen, dass meine Figuren für mich nicht Figuren, sondern echte Menschen sind. Ich
habe mich also mit diesen Menschen an den Tisch gesetzt, ihnen meine Fragen gestellt,
und sie haben geantwortet. In dem Gespräch haben mir sowohl Marcel als auch Héloïse
Dinge verraten, die ich als Autor nicht bewusst geplant hatte, die irgendwelchen Untiefen
meines Unterbewusstseins entsprangen. Und aus diesen unbewussten, abgründigen Kernen
sind dann plötzlich Szenen, eine Geschichte entstanden und letztlich dann dieser Roman. - Was kann das Kino, was die Literatur nicht kann?
Emanuel Bergmann: Kino ist Kommunion mit anderen Menschen. Deswegen habe ich auch
bewusst vom Kino und nicht vom Film gesprochen. Film ist etwas, das man auch auf dem
Handy oder auf dem Laptop schauen kann. In diesem Fall wird das Filmschauen zu einem
Akt, der dem Lesen sehr ähnlich ist. Es ist privat und intim. Der Kinobesuch hingegen ist
wie der Gang in die Synagoge an den hohen Feiertagen, an den Tagen des Staunens. Es ist
etwas, das man gemeinsam erlebt und das – im besten Fall – Menschen gemeinsam bewegt.
Beim Lesen entstehen die Figuren, die Geschichte und die ganze Welt vor dem geistigen
Auge. Aber im Kino präsentiert sich die Welt vor dem echten Auge. Das finde ich
wunderbar und großartig. - Der Roman ist durchzogen von allerlei Referenzen und Filmzitaten. Wenn Sie eines
wählen müssten, welches ist Ihr liebstes?
Emanuel Bergmann: »All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen
im Regen.« Das ist der von Schauspieler Rutger Hauer improvisierte Schlussmonolog am
Ende von Blade Runner, die sogenannte Tannhäuser-Tor-Rede. Sie stand angeblich nicht in
dem wunderbaren Drehbuch von Hampton Fancher, sondern wurde von Rutger Hauer am
Set wohl einfach improvisiert. Das ist einer von vielen Momenten, die mich als jungen
Kino-Fan wahnsinnig ergriffen haben.
Und dieser Satz schwingt seither irgendwie immer in meinem Leben mit. - Zu Beginn des Romans erkundigt sich Marcel nach dem Lieblingsfilm von Héloïse.
Ohne zu zögern antwortet diese: Modern Times von Charlie Chaplin. Wieso fiel die
Wahl gerade auf diesen Filmklassiker?
Emanuel Bergmann: Ich wollte Héloïse aus der Zeit herausnehmen. Ich bewundere Modern
Times über alle Maßen. Zunächst einmal finde ich es erstaunlich, dass er über weite
Strecken ein Stummfilm ist, zu einer Zeit, in der man keine Stummfilme mehr gemacht hat
– es war die Ära des Tonfilms. Fünf oder sechs Jahre nach der Einführung des Tonfilms
hat Chaplin von seinem Publikum einfach verlangt, sich plötzlich noch einmal auf einen
Stummfilm einzulassen. Am Ende belohnt er die Menschen mit einer wunderbaren
Gesangssequenz. Man erlebt die Stille in diesem Film, das Fehlen von Dialogen und wird
dann am Ende wirklich reich beschenkt. Es gibt eine Szene, die Héloïse im Roman
beschreibt, in der bei einer Demonstration eine Fahne von einem LKW fällt und Chaplin
in der Rolle des kleinen Tramp dem Fahrer diese Fahne zurückgeben will. Wir wissen, dass
es eine rote, eine kommunistische Flagge war, obwohl es ein Schwarz-Weiß-Film ist.
Wenn man etwas sieht, was eigentlich unsichtbar ist: Das ist die eigentliche Macht des
Kinos. Film ist nicht nur das, was man sieht, Film – und Leben – ist auch das, was man
nicht sieht und was sich in den Zwischenräumen abspielt. - Wie ist Ihr Verhältnis zur Filmwelt? Welchen Eindruck haben Sie vom aktuellen
Zustand der Filmbranche?
Emanuel Bergmann: Ich liebe das Kino und habe mich in der Filmbranche immer
wohlgefühlt. Aber ich erkenne auch, dass sie sehr ungesund ist. Es gibt ein Machtgefälle,
das gefährlich ist – ins besondere für Frauen und viele Minoritäten. Es gibt viel
Ausgrenzung und Rassismus in der Filmbranche und ziemlich viele Ressentiments und
Vorurteile. Dazu eine Kultur der Selbstaufopferung, die toxisch ist. Man hat während der
Arbeit an einem Film am Set immer das Gefühl, dass man etwas Großes und Wichtiges
tut. Man fühlt sich wie ein Arzt, der in der Notaufnahme Leben rettet. Dieses Gefühl der
Aufopferung für die Kunst wird immer wieder ausgenutzt. Es gibt Schattenseiten in dieser
Filmwelt, die man nicht übersehen darf, und gleichzeitig wird etwas geschaffen, das
transzendent, wundersam und magisch ist. Das ist ein großer Widerspruch, den ich für
mich bis heute nicht auflösen kann. - Ihr Blick auf die Filmwelt ist in Tahara auf jeden Fall satirisch und pointiert. Was
bedeutet Ihnen Humor?
Emanuel Bergmann: Im Roman heißt es einmal: »Humor ist der Klebstoff, der die Scherben
zusammenhält.« Humor ist das, was das Leben erträglich macht, was unserem Leben
Leichtigkeit und Würze gibt, Momente der Erlösung, Momente des Loslassens. Es ist für
mich sehr wichtig, mit einem ironischen, humorvollen Blick durchs Leben zu gehen.
Humor ist das Champagnerprickeln des Lebens, die Champagnerperlen des Glücks. Es
macht den Schmerz, der uns begleitet, erträglicher. Ich bin immer wieder überrascht, um
nicht zu sagen schockiert, wie selten ich Humor in der Literatur finde. Viele Bücher sind
unfassbar ernst. Ernsthaftigkeit bedeutet für mich jedoch nicht, dass man nicht auch
einmal lachen sollte. Ganz im Gegenteil!
»Humor ist der Klebstoff, der die Scherben zusammenhält.«
Ein Interview mit Emanuel Bergmann
Transkription eines Gesprächs mit Anne H. Kaiser, September 2023.
© by Diogenes Verlag AG Zürich