Tobias Feldmann

[Konzert] Zwischen Pariser Leichtigkeit und Hollywood-Glanz mit Tobias Feldmann im Stadttheater Gießen

Es ist endlich wieder Zeit für ein Sinfoniekonzert im Stadttheater Gießen. Die Einführung hielt dieses Mal Leonard Lampert. Er erzählte viel über Germaine Tailleferre, eine Komponistin, die bereits mit zwölf Jahren ans Pariser Konservatorium ging, nachdem ihre Mutter sie am Klavier gefördert hatte. Man stelle sich das vor: 1904 wurde eine junge Frau am berühmten Konservatorium in Paris angenommen! Sie muss außerordentlich talentiert gewesen sein. Interessanterweise kannte ich von ihr vorher nichts, weshalb ich sehr gespannt war auf das, was mich erwartete.


Lampert sprach auch über Erich Wolfgang Korngold. Wieder so ein Fall, wo der Komponist bereits mit elf Jahren erste Erfolge verzeichnen konnte. Man hätte fast denken können, dass Lampert ein wenig eifersüchtig auf die frühen Leistungen dieser beiden Komponisten sein könnte. Besonders reizvoll war außerdem, dass beim „Violinkonzert D-Dur op. 35“ der bekannte Violinist Tobias Feldmann den Solopart übernahm. Dass Korngold darüber hinaus zwei Oscars für seine Filmmusik erhielt, machte die Vorfreude nur größer.


Was mir an der Einführung sehr gefiel, war Lamperts lockere Kleidung und vor allem seine klare, einfache Sprache, da viele junge Menschen im Publikum waren. Seine Art der Vermittlung war fesselnd und zugänglich.


Don nun zum Konzert. Es begann mit der „Ouvertüre für Orchester op. 32“ von Germaine Tailleferre. Ein wunderbares, beschwingtes Stück – leicht, heiter, voller Freude. Ich war ganz beschwingt und hätte gerne noch mehr von ihr gehört. Warum wird eine Komponistin mit dieser fantastischen Musik so selten gespielt? Tailleferre gehörte mit Georges Auric, Louis Durey, Arthur Honegger, Darius Milhaud, Francis Poulenc zu der „Groupe des Six“, die für ihre Zeit rebellisch die gängige Romantik ablehnten. Wenn die anderen Komponisten auch nur halb so reizvoll sind, habe ich einiges nachzuholen.
Es folgte Erich Wolfgang Korngolds „Thema mit Variationen op. 42“ (1953). Man merkt dem Stück seine filmische Herkunft an. Ich hatte alle möglichen Gefühle vor Augen, wie bei einem packenden Film. Kein Wunder, dass Korngold mit seiner Filmmusik so erfolgreich war. Diese Variationen riefen in mir Bilder und Stimmungen hervor, die ich nicht erwartet hatte.


Dann folgte das „Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35“ mit Tobias Feldmann. Bei vielen Solisten frage ich mich immer wieder, wie man ein Instrument so beherrschen kann. Wie Feldmann mit dem Philharmonischen Orchester zusammenspielte, war traumhaft. Violinen können mich sonst manchmal reizen, wenn sie zu schrill sind oder zu sehr herausstechen. Aber wenn Musiker im Ensemble verschmelzen, wirkt die Musik wie Balsam. Feldmann ging ganz im Stück auf. Es spielte eine tragende Rolle, ohne zu übertreiben, mit einer Fingerfertigkeit, die ich bewundere. Solche Momente zeigen, wie sehr Musiker ihr Instrument lieben und in der Musik aufgehen. Das Violinkonzert wirkte in seiner Grundstimmung ganz anders als die vorherigen Stücke von Korngold und berührte ganz andere Saiten in mir.
Nach einer Zugabe und einem besonderen, getragenen Gefühl ging es in die Pause – und ich glaube, vielen im Saal ging es ähnlich.


Nach der Pause stand Richard Strauss’ „Don Juan“ auf dem Programm. Davon hatte ich vorab gehört, es sei das Highlight des Abends. In unserem schönen Stadttheater und vom Philharmonischen Orchester gespielt, war es überwältigend. Ich schloss die Augen und ließ mich von der Musik tragen. Ob es mein persönliches Highlight war, weiß ich nicht eindeutig. Alles war toll und manchmal ist es schöner, abseits der üblichen Klassiker, Neues zu entdecken. Trotzdem war „Don Juan“ beeindruckend.


Den Abschluss bildete erneut Korngold mit der „Schauspielouvertüre op. 4“ aus dem Jahr 1911. Er hat dieses Werk komponiert, als er gerade einmal vierzehn war. Wie kann jemand in diesem Alter schon so reife Musik schreiben? Es war ein besonderes Erlebnis.


Der ganze Abend war musikalisch ein echtes Highlight. Ich habe zwei Wunderkinder gehört, die mir vorher unbekannt waren, und viel über die Anfänge der Filmmusik gelernt. Diese frühen Werke stehen für mich klanglich heute noch gut da. Mein Fazit: Bitte grabt weiter „neue“ Komponistinnen und Komponisten aus, gerne mehr Komponistinnen wie Tailleferre. Für mich war sie die überraschendste Entdeckung des Abends und vielleicht sogar das anfängliche Highlight.
Geht raus und probiert es aus! Geht ins Theater, in Konzerte, Opern, Theaterstücke, Tanz! Kultur in jeglicher Form erleben macht einfach glücklich.

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