Gärtnerin aus Liebe

[Theater] „Die Gärtnerin aus Liebe“ in Gießen: Ein berauschendes Singspiel (nicht nur) für Opern-Neulinge

Heute stand für mich wieder einmal eine Oper auf dem Programm – oder sollte ich eher sagen: ein Singspiel? Auf jeden Fall hatte ich eine neue Begleitung dabei. Eli war noch nie in einer Oper, und dann gleich in eine Gießener Erstaufführung! Ich selbst ließ mich bewusst überraschen, denn es ist immer ein Unterschied, ob man sich ein Werk zu Hause anhört und gut vorbereitet – oder ob man sich einfach treiben lässt und genießt.


Leonard Lampert führte in das Stück ein und erzählte unter anderem, dass Mozart die Oper offiziell als „Deutsches Singspiel“ autorisiert habe. Natürlich kam auch die Handlung nicht zu kurz, sodass schon die Einführung kurzweilig und unterhaltsam war. Ich gestand mir insgeheim ein: Die Mischung aus komischer und ernster Oper machte mich etwas unsicher. Der Begriff „Singspiel“ weckte Neugier, aber auch eine gewisse Scheu. Ich glaube, genau darin liegt das Problem, das auch andere Gießener mit diesem Stück haben. Ähnlich erging es mir schon bei der konzertanten Oper. Was nicht den üblichen Kanon bedient, wird oft nur verhalten angenommen. Dabei sollte man doch einfach mal etwas Neues ausprobieren! Wenn Mozart und das Thema Liebe im Spiel sind, kann man sich getrost darauf einlassen. So wie Eli, die an diesem Abend die erste Oper ihres Lebens erlebte. Sie hatte zunächst Respekt, doch sobald der Vorhang aufging und die Musiker zu spielen begannen, war alles vergessen.


Allerdings fiel mir zu Beginn ein kleines Manko auf. Der Chor klang nicht ganz so kräftig wie sonst und ging stellenweise im Orchester unter. Das ist nun kein entscheidender Kritikpunkt. Es könnte auch an meinem Sitzplatz gelegen haben. Und ja, es ist Meckern auf sehr hohem Niveau, aber ich habe in den letzten Monaten stimmlich schon Besseres erlebt.


Doch was dann kam, war einfach nur: Wow! Schon bei den ersten Noten von Bogna Bernagiewicz als Serpetta war ich hin und weg. Serpetta, die Zofe von Podestà (gesungen von Ferdinand Keller), ist Teil eines verwickelten Liebesgeflechts. Podestà ist in Sandrina verliebt (Annika Gerhards), die als Gärtnerin bei ihm lebt. Neben ihr kümmert sich Nardo (Tomi Wendt), eigentlich Sandrinas Diener, um den Garten. Die beiden verstecken sich bei Podestà vor Graf Belfiore (Jakob Kleinschrot), der zu Podestà reist, um dessen Nichte Arminda (Julia Araújo) zu heiraten. Arminda wiederum wird von Ramiro (Elisabeth Wrede) geliebt und liebt ihn auch. Doch wer würde nicht überlegen, wenn ein Graf als Ehemann in Aussicht steht?

Copyright: Lena Bils

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Habe ich jemanden vergessen? Ich glaube nicht. Ihr merkt schon, es wimmelt nur so von Liebe! Und nicht nur das. Podestà ist einfach zum Liebhaben. Sein Gesang ist genauso schön wie seine Sprechweise, und der Humor, der sich durch das ganze Singspiel zieht, ist immer wieder spürbar. Sandrinas Passage löst Lachen aus, wenn sie versucht, ihren übergriffigen Chef auf Distanz zu halten. Dann taucht ausgerechnet Graf Belfiore auf, der Podestàs Nichte heiraten soll. Arminda weiß genau, was sie will und kommuniziert das auch klar.
Was dann noch alles passiert, solltet ihr selbst erleben. Was den Gesang und die schauspielerische Leistung betrifft, kann ich nur schwärmen. Allein wegen der beiden Sopranistinnen Julia Araújo und Annika Gerhards würde ich jede Oper besuchen, in der eine von beiden singt. Hier waren beide auf der Bühne! Eli war besonders von Julia Araújo begeistert, die das Ganze mit ihrer schauspielerischen Präsenz noch mehr auf die glänzen ließ. Ich selbst nahm Annika Gerhards’ Stimme in den hohen Lagen besonders intensiv wahr, vor allem im Duett mit Jakob Kleinschrot (Graf Belfiore) spürte ich jede Emotion.


Doch wer mein Herz komplett erobert hat, war Tomi Wendt als Nardo. Entweder hat er stimmlich einen Sprung nach vorne gemacht, oder er hat endlich Rollen gefunden, die perfekt zu ihm passen. Mittlerweile ist es mir egal, ob er singt, spricht oder spielt – ich liebe es einfach. Als Nardo war er großartig, egal ob er mit Annika Gerhards oder Serpetta auf der Bühne stand. Es ist jedes Mal ein Genuss. Er überrascht mich seit Monaten positiv.


Jakob Kleinschrot ist ebenfalls besonders. Ich mag seinen Gesang, auch wenn ihm manchmal etwas Volumen fehlt. Aber das ist – wie beim Chor – wieder nur Nörgelei auf hohem Niveau. Diesen Sänger würde ich gerne öfter in Gießen erleben. Bogna Bernagiewicz verleiht dem Ganzen eine besondere Note. Zuerst wirkt sie unscheinbar, doch von Minute zu Minute wird sie präsenter. Ähnlich erging es mir mit Ramiro. Elisabeth Wredes Figur gewann immer mehr Wucht. Am Anfang dachte ich noch: „Die üblichen Verdächtigen“. Doch weit gefehlt! Jeder hatte seine Sternstunde und zwar mehr als einmal.


Begeistert hat mich auch das Bühnenbild. Es war wieder einmal von der Schreinerei zauberhaft umgesetzt. Das Licht, die kleinen Details – ob wachsende Kakteen, blühende Pflanzen wie durch Zauberhand oder das Zebra, auf dem Arminda einreitet. Immer wieder kleine Highlights, wie die Vögel, die so eingespielt wurden, als flögen sie am Himmel. Und die Kostüme! Ich bin mir sicher, Heike wäre genauso begeistert gewesen wie Eli und ich.


All das machte diese fast dreistündige Oper zu einem kurzweiligen, tollen Abend. Mozarts Musik setzte immer wieder Höhepunkte. Es sind die kleinen Dinge, die einen Opern- oder Singspielabend unvergesslich machen. Mein Appell an euch: Geht ins Theater! Genießt den Abend, probiert etwas aus, seid mutig! Dann kann euch etwas passieren, das man selten erlebt: Man verliebt sich in jede einzelne Person auf der Bühne oder in die Musiker im Orchestergraben. Und am Ende applaudiert man vielleicht zehn Minuten lang – einfach, weil man nicht anders kann.


Und wenn ihr wie Eli zum ersten Mal eine Oper erlebt, kann es euch so gehen, dass ihr immer wieder zurückkehren wollt. „Die Gärtnerin aus Liebe“ ist ein perfekter Start in die „Sucht“ Musiktheater – und das Stadttheater Gießen der ideale Ort dafür.

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