La Traviata

[Oper] „La Traviata“ in Gießen: Ein Abend, der die Seele berührt

Es ist mal wieder Verdi-Zeit im Stadttheater Gießen. Nach „Rigoletto“ und „Il Trovatore“ stand nun „La Traviata“ auf dem Spielplan — und was soll ich sagen: Das Haus war bis auf den letzten Platz gefüllt. Das zeigt mir, wie sehr das Stadttheater Gießen mittlerweile angenommen wird. Langsam aber sicher wächst die Neugier aufs Theater wieder.

Die Einführung hielt Julia van der Horst, und sie freute sich sehr, dass sowohl die Einführung als auch das gesamte Haus komplett besetzt waren. Ein kleiner Tipp: Im zweiten Rang, ein Stockwerk höher, hat man einen hervorragenden Blick aufs Geschehen und versteht alles sehr gut.

Van der Horst erzählte, wie begeistert Verdi von Alexandre Dumas’ Stück „Die Kameliendame“ (bitte nicht mit Alexandre Dumas dem Älteren verwechseln, dem Autor von „Die drei Musketiere“ oder „Der Graf von Monte Christo“) war. Bei der Einführung wurde mir bewusst, dass ich „Die Kameliendame“ noch gar nicht gelesen habe, und schon zog es mich wieder in die Welt der Bücher, das kann ich einfach nicht lassen. Verdi war so angetan von dem Stoff, dass er die Oper in kürzester Zeit komponierte — oft wird von 45 Tagen gesprochen. Selbst wenn es etwas länger gewesen sein sollte, bleibt es beeindruckend kurz, zumal die Uraufführung von La Traviata am 6. März 1853 stattfand, die Premiere des Theaterstücks am 2. Februar 1852.

Julia van der Horst betonte, dass in dieser Inszenierung die Alkoholsucht Violettas stärker in den Mittelpunkt gerückt sei und weniger ihre Schwindsucht, unter der sie ja ebenfalls litt. Sie erklärte, was eine Kurtisane ist und warum Violetta, obwohl sie sich in gehobenen Kreisen bewegt, nicht in diese einheiraten konnte. Van der Horst sprach auch über den „Dämon“, der Violetta immer wieder begleitete, die Ängste und Nöte, die sie heimsuchten, und sie bezog das Publikum gut mit ein. Ihre Einführung war kurzweilig, klar und stringent formuliert. Außerdem wies sie auf die Internationalität der Stadt Gießen hin und begründete, warum die Übertitel jetzt auch auf Englisch angeboten werden. Zugegeben, ich war zunächst skeptisch, man ist ja manchmal ein wenig eingefahren, doch schon nach wenigen Minuten war mir das völlig egal: Die Lösung ist in meinen Augen gelungen. Nur keine weiteren Sprachen, bitte, sonst wird es zu voll.

Ein kleines praktisches Problem bei Van der Horsts Einführung habe ich jedoch. Sie spricht so gut und so fesselnd, dass für das stille Örtchen vor der Aufführung kaum Zeit bleibt.

Kommen wir zur Oper selbst: Wir lernen Violetta kennen. Sie feiert gern, ist dem Alkohol sehr zugetan, und dieser Zustand wird vom „Dämon“ immer wieder befeuert. Violetta wird von Annika Gerhards gespielt und gesungen. Ihre Stimme ist mir stets angenehm, ihr Schauspiel füllt die Bühne, und ihre Bühnenpräsenz erstaunt mich immer wieder. An manchen Stellen empfand ich die Stimme heute etwas zurückhaltend; das kann aber am Sitzplatz gelegen haben oder bewusst so gewollt sein. Ihrer Gefühle in ihrer Beziehung zu Alfredo habe ich ihr vollständig abgenommen, ebenso die Alkoholsucht und die sich langsam ankündigende Schwindsucht. Sie stellte alles sehr überzeugend dar. Der Dämon war ständig präsent, mal sichtbar, mal unsichtbar. Normalerweise stehe ich dem Tanz eher skeptisch gegenüber, doch Magdalena Stoyanova hat eine so beeindruckende Leistung geliefert, dass mir die Worte fehlen. Sie verkörperte den inneren Dämon wie bei einer psychischen Erkrankung: immer da, aber nicht greifbar. Schon in der ersten Szene hat sie mich emotional abgeholt. Dieses Zusammenspiel zwischen Violetta und ihrem Dämon war über die gesamte Aufführung phänomenal.

Alfredo wurde von Eleazar Rodriguez verkörpert. Bei ihm sehe ich zwei unterschiedliche Seite, sein Spiel und seinen Gesang. Während bei Violetta Liebe und Zuneigung zu Alfredo spürbar waren, wirkte Rodriguez’ Spiel stellenweise etwas steif. Es bestand eine gewisse Distanz zwischen den Figuren. Er stand oft sehr gerade und ließ seiner schönen Stimme Raum. Dadurch fehlte mir an manchen Stellen das ganz persönliche Gefühl. Die Angst, Violetta zu verlieren, kam nicht immer voll rüber. Bei einer konzertanten Aufführung mag das teilweise passen, aber ich habe die unmittelbare Innigkeit vermisst. Stimmlich hingegen sitzt bei ihm jede Note. Er muss womöglich einfach noch etwas mehr Erfahrung mit diesem Ensemble sammeln, dann wird auch die schauspielerische Leistung sicher noch wachsen. Insgesamt war es für das erste Mal sehr gut.

Grzegorz Pelutis singt Alfredos Vater Giorgio Germont, und ihm habe ich diese Vaterrolle sofort abgenommen. Der Mann, der glaubt, sein Sohn habe sich in die falsche Frau verliebt, weil Violetta seiner Meinung nach nicht zu ihrer Schicht passt. Sehr überzeugend gespielt und gesungen.

Über Jana Marković als Flora lässt sich kurz sagen: Ich liebe es, wenn sie zusammen mit Annika Gerhards auf der Bühne steht. Ich hätte mir für sie zwar eine größere Rolle gewünscht, doch auch so bereichert sie das Ensemble. Elisabeth Wrede als Annina, Violettas Dienerin und Vertraute, macht ebenfalls viel Freude. Sie hat etwas, das nicht viele Sängerinnen besitzen. Ihr Mezzosopran hat eine besondere Klangfarbe, die auch die hohen Töne rund wirken lässt.

Der Chor und der Extrachor haben wieder Großartiges geleistet, sowohl klanglich als auch in der Präsenz. Und dann die Kostüme! Ganz gleich, ob man Bühnenbild, Kostüme oder Frisuren betrachtet, in wenigen Momenten werden so viele Details eindrucksvoll geleistet, dass man das kaum hoch genug schätzen kann.

Ebenso bedeutend war natürlich die Musik aus dem Orchestergraben. Verdi hat hier Meisterhaftes komponiert. Wenn ich daran denke, dass er das Werk in so kurzer Zeit schrieb und daraus über zweieinhalb Stunden Oper entstanden sind, bleibt einem der Mund offen stehen. Es ist erstaunlich und beeindruckend was der Komponist geleistet hat, aber genauso, was das Orchester in seiner Interpretation geleistet hat. Eine Oper lebt nicht nur von der Qualität der Sänger, sondern im gleichen Maße von den Fähigkeiten der Musiker und des Dirigenten. Diese drei Elemente müssen eine harmonische Einheit bilden um ein melodisches und faszinierendes Werk darzubieten. Dieses Orchester und diese Musik fangen einen immer wieder ein.

Man verlässt das Theater mit einem Glücksgefühl. Stunden später ist man noch ein wenig benommen vor lauter Glück. Ich bin dankbar, dass ich so etwas erleben kann. Das Stadttheater wird immer präsenter in der Stadtgesellschaft, und man merkt, da steht etwas Großes in der Mitte unserer Stadt. Manche sagen, das Theater habe sich selbst übertroffen. Ich sage vielmehr seit Jahren, dass dieses Theater besucht werden muss! Es ist nicht schlechter als viele namhafte Häuser. Man muss sich nur darauf einlassen und zulassen, dass es einen innerlich berührt. Das kann unser Stadttheater mit all seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern immer wieder. Davon bin ich vollkommen fasziniert und dafür dankbar.

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