Gießen, Audiowalk

[Gießen] Haltung zeigen gegen das Vergessen: Ein Weckruf aus den Straßen Gießens

Irgendwie reißen die schwierigen Themen nicht ab. Heute hatte ich etwas Besonderes, was nicht direkt im Stadttheater stattfand: Ein Audiowalk mit dem Titel „Von Gießen nach Theresienstadt“. Am 13.02.2026 versammelten sich zwei Gruppen im Kassenraum des Stadttheaters. Alle waren gespannt. Es herrschte eine gespannte, fast freudige Erwartung. Wir wollten etwas (für einige) Neues aus der Geschichte erfahren — und wurden nicht enttäuscht, im schlimmsten wie im besten Sinn.

Ich habe schon vieles gemacht, nur noch keinen Audiowalk — und schon gar nicht zu solch einem ernsten Thema. Es beginnt ausgerechnet hier in Gießen und beschreibt das Schicksal von 13 Menschen, die am 13. Februar 1945 deportiert wurden. Wenn man bedenkt, dass Gießen am 28. März 1945 von den Amerikanern befreit wurde, ist das unfassbar. Krieg bleibt für mich unverständlich und ebenso unbegreiflich ist, wie Menschen andere Menschen zu einer „anderen Klasse“ herabstufen können, obwohl sie jahrelang friedlich miteinander lebten.

Dass einer der Mitarbeitenden des Stadttheaters, ein Mitarbeiter der ersten Stunde, Daniel Goldschmidt, ebenfalls deportiert wurde macht die Sache noch schwerer zu fassen. Dass Kultur und Theater zur Propaganda missbraucht wurden und das Stadttheater einen linientreuen Intendanten bekam, ist nachvollziehbar, wenn auch bitter. Intendantin Simone Sterr machte im Nachgespräch deutlich, dass nicht alles Gold war, was glänzte. Dennoch bemühte sich das Theater offenbar um den Schutz von Daniel Goldschmidt. Ich würde über den ehemaligen Intendanten sagen: „Er bemühte sich redlich.“. Mehr war es nicht.

Schon in den ersten Minuten des Walks steckte mir ein Kloß im Hals, und es wurde nicht besser, als wir vor der Kongresshalle standen, wo einst die Gießener Synagoge stand. Man schaut auf die Gesichter der Menschen, versucht hineinzusehen und spürt dieselbe Leere, die einem selbst den Atem raubt. Durch die Stimmen im Kopfhörer wird eindringlich erklärt, wie die Repressalien systematisch ausgeweitet wurden, wie Menschen enteignet wurden. Es ist immer wieder eine Erinnerung, die unter die Haut geht.

Ein paar Schritte weiter standen wir vor dem Gebäude der Gestapo in der Neuen Bäue. Ich stellte mir vor, wie Menschen dort gefangen gehalten, gefoltert wurden, und wie absurd es war, dass allein ein fehlender Name wie „Sarah“ oder „Israel“ schon genügen konnte, um Menschen zu stigmatisieren. Die Namen der 13 Deportierten zu hören, bleibt auch Stunden später noch schwer verdaulich.

Es wird nicht leichter, wenn beschrieben wird, wie sich Menschen von ihren Familien verabschieden mussten, wie sie nach Frankfurt gebracht wurden und sogar noch den Gestapobeamten bezahlen mussten. In Protokollen wurde genau notierten, wie viel es kostete. Viele trauten sich nicht, von langjährigen Nachbarn Abschied zu nehmen. Es ist kaum vorstellbar, wie die Familien nach dem Krieg versuchten, die Deportierten aus Theresienstadt abzuholen, aber die Kranken im Lager bleiben mussten, auch wie schwierig das Leben nach der Rückkehr nach Gießen war. Es wurden 300 DM Entschädigung zugesagt, die dann mit der Nothilfe verrechnet wurden. Krankheiten, die auf die Lagerhaft zurückzuführen waren, wurden einfach ignoriert.

Als ich eine Frau mit Tränen in den Augen vor dem Gebäude der Nothilfe sah, die Enkelin von Daniel Goldschmidt, wurde mir noch enger um die Brust. Sie erzählte, dass die Entschädigung für ihren Großvater erst nach seinem Tod bewilligt wurde. Da kann man nur den Kopf schütteln.

Das Nachgespräch hat mir vieles noch einmal nähergebracht. Simone Sterr, die Enkelin von Daniel Goldschmidt sowie Randi Becker und Michelle Damm, die die Recherche für den Audiowalk betrieben haben, sprachen mit uns. Dazu wurden immer wieder Fotos der genannten Personen gezeigt; zusammen mit den Unterschriften ergab das ein eindrückliches Bild. Die Stimmen in den Kopfhörern von den Schauspielern des Stadttheaters Gießen, Carolin Weber, Dascha Ivanova und Ben Janssen, die Berichte von Zeitzeugen vortragen, machten das Erlebnis besonders bewegend.

In Hanau sagt man immer wieder „Say their names“. Wie wäre es, wenn wir jedes Jahr am 13. Februar die folgenden Namen aufsagen: Selma Biedenkapp, Selma Bohling, Johanna Schmidt, Dora Scheurer, Emilie Feuster, Erna Schott, Henriette Fischer, Daniel Goldschmidt, Cornelia Jäger, Rose Glitsch, Emma Weber, Rosa Hansel und Berta Konrad. Das sind Menschen, die aus unserer Mitte gerissen wurden. Sie gehören zur mittelhessischen Geschichte und dürfen nicht vergessen werden.

Wir müssen Haltung zeigen. Wir dürfen uns nicht vor den Stimmungen der Welt beugen. Mein Uropa hat mich gewarnt: Wir müssen aufpassen und unsere Freiheit verteidigen. Sie ist heute überall bedroht. Wir wollen doch nicht, dass so etwas noch einmal passiert.

Vielleicht ist dieser kleine Anstoß nötig. Ich rate jedem aus Gießen und Umgebung: Nehmt an diesem Audiowalk teil. Lasst uns die Namen dieser Menschen immer wieder nennen und dafür sorgen, dass so etwas nie wieder geschieht.

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