Konzert

[Konzert] Vier französische Komponisten, ein außergewöhnlicher Konzertabend

Ende August — endlich wieder Zeit für das 1. Sinfoniekonzert. Ich bin ins Theater gegangen, ohne Begleitung. Diesmal hatte niemand Zeit mitzukommen, also war ich allein.

Die Einführung hielt Julia van der Horst, und wie immer lernt man bei ihr unglaublich viel. Heute ging es um französische Komponisten, angefangen mit Darius Milhaud und seinem Stück „Le boeuf sur le toit“ (auf Deutsch: „Der Ochse auf dem Dach“). Das Werk stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert, genauer 1919. Da dachte ich kurz, das könnte anstrengend werden. Frau van der Horst erklärte die Komposition und die verschiedenen stilistischen Einflüsse, was meine Nervosität eher verstärkte als milderte. Vor dem Konzert hatte mir übrigens die Cellistin Emily Härtel noch gesagt, es werde „spritzig“ — was immer sie damit genau meinte erfuhr ich später.

Besonders gespannt war ich auf die Pianistinnen Clara und Marie Becker, die Francis Poulencs Konzert für zwei Klaviere in d‑Moll spielten. Frau van der Horst erzählte auch etwas zu dessen Entstehungsgeschichte, und dass Poulenc dem Werk eine gewisse Hommage an Wolfgang Amadeus Mozart mitgegeben habe. Wie immer kann ich nur empfehlen: Nehmt die Einführung mit! Man lernt viel und versteht manches besser.

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Schon die Ankündigung von Louise Farrenc hatte mich neugierig gemacht. Sie hatte bereits 2015 begeistert, und auch wenn wir heute nur eine Ouvertüre hörten, freute ich mich sehr darauf. Frau van der Horst erklärte, dass die Ouvertüre Moll‑Variationen enthält und dann in Es‑Dur übergeht — und genau diese Wendungen machten die Musik spannend aber dennoch nicht bedrohlich.

Ebenfalls erwähnt wurde Georges Bizet. Seine Sinfonie Nr. 1 ist gleichzeitig seine einzige Sinfonie. Sie wurde lange nicht aufgeführt. Bizet hatte sie sogar vor seinen Lehrern verborgen. Mit diesem Hintergrund ging ich leicht aufgeregt in das Konzert und fragte mich, welches Instrument mich diesmal besonders fesseln, und wie die Dirigentin Hannah Eisendle sich schlagen würde. Ich kannte Eisendle als Komponistin. Ihre Stücke sind gut, aber fordernd. Wie würde sie als Dirigentin wirken? Ich bin schließlich durch Andreas Schüller verwöhnt.

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Das Konzert begann mit Milhaud und „Le boeuf sur le toit“. Die ersten Takte wirkten kurz ein wenig schief, dann aber öffnete sich plötzlich eine Szene wie ein Jahrmarkt in Spanien: eine echte Party, in der alles ineinanderfloss. Das Schlagwerk trug sehr zur Stimmung bei, und bei der Oboe bekam ich Gänsehaut. Welch schöner, warmer Klang! Die Verbindung von Streichern und Schlagwerk war bereits reizvoll, doch erst die Oboe machte das Erlebnis nahezu perfekt. Man konnte sich beinahe vorstellen, wie der „Ochse auf dem Dach“ landet — nicht aus Schrecken, sondern weil etwas Besonderes mit der Musik passiert. Die erste Überraschung des Abends war gelungen.

Beim Poulenc‑Konzert für zwei Klaviere war ich dann völlig hin und weg. Schon in den ersten Takten wurde klar: Poulenc kann komponieren — und Clara und Marie Becker entfachten ein wahres Feuer an den Flügeln. Ihr Zusammenspiel war atemberaubend; immer wieder kurze Blicke zwischen ihnen, perfekte Synchronie! Offenbar haben sie enorm viel und präzise geprobt. Dass es sich bei den Musikerinnen um Zwillinge handelt, machte die Wirkung noch eindrucksvoller. Ich hatte zuvor schon bei der Oboe Gänsehaut bekommen, aber hier erlebte ich erneut dieses besondere Kribbeln. Die Zugabe nach dem Konzert riss das Publikum mit. Viele waren danach sichtlich ergriffen.

In der Pause hörte ich eine Zuschauerin sagen, es sei, als sei man in einer anderen Welt. Eine passende Beschreibung. Der Auftakt mit diesen beiden Werken und der Zugabe war so stimmungsvoll, wie ich ihn selten erlebt habe.

Nach der Pause folgte Louise Farrencs Ouvertüre Nr. 2. Es war noch besser als erwartet: lebendig, abwechslungsreich und vom Orchester wunderbar umgesetzt. Die Ouvertüre weckte Neugier auf das, was noch kommen sollte.

Dann Georges Bizet und seine erste und einzige Sinfonie. Wenn man sich vor Augen hält, dass er dieses Werk mit 17 Jahren schrieb, ist das verblüffend. Viele Komponisten erreichen so etwas nicht einmal im Spätwerk. Die Musik war wunderschön, entspannend und genau das Richtige, um nach einer stressigen Woche herunterzukommen. Ich würde mir wünschen, dass man noch weitere, bisher unbekannte Werke von Bizet fände und aufführte.

Zum Schluss noch zu Hannah Eisendle als Dirigentin. Ja, sie hat „Hummeln im Hintern“. Sie ist voller Energie, bewegt sich mitreißend auf dem Podest, strahlt das Publikum an und wirkt ansteckend positiv. Ihr Umgang mit dem Orchester war beeindruckend. Man spürte, dass sie viel fordert, aber auch viel gibt. Das Strahlen in den Gesichtern der beiden Pianistinnen, wenn sie zu ihr aufblickten, zeigte die gemeinsame Energie. Als Dirigentin hat sie mich sehr überzeugt. Sie passt gut in die Reihe der Dirigenten im Stadttheater Gießen und dürfte gern öfter zu Gast sein. Bei ihren eigenen Kompositionen bin ich dagegen zwiegespalten. Nicht zu häufig, aber einmal im Jahr wäre in Ordnung.

Alles in allem war es der perfekte Start in die Spielzeit 2026/2027 im Stadttheater Gießen. Und nun weiß ich was spritzig ist und die Beschreibung war im Nachgang zu 100% richtig.

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