[Oper] Von Anstrengung zu Begeisterung: Richard Strauss‘ „Arabella“ entfaltet ihre Magie
Endlich mal wieder Oper in Gießen und ich bin dabei, also zumindest bei der Premiere. Irgendwie habe ich momentan zu oft andere Termine am Wochenende, wenn das Theater eine Opernpremiere ansetzt.
Zumindest mal in „Arabella“ von Richard Strauss mit den Texten von Hugo von Hofmannsthal. Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal waren so etwas wie die Opernkönige Anfang des 20. Jahrhunderts. So oder so ähnlich sagte es zumindest Ann-Christine Mecke und warum sollte man an ihren Worten zweifeln? Diesmal hatte sie bei der Einführung Unterstützung dabei, Clemens Mohr. Der Studienleiter hat unter anderem einen ganz wichtigen Part. Er sorgt dafür, dass die Sänger und Sängerinnen pünktlich auf der Bühne erscheinen, so dass das Ganze, auch wenn es eine konzertante Aufführung ist, teilweise szenische wirken kann. Aber dazu gleich bei der Opernkritik mehr. Clemens Mohr spielte am Klavier immer wieder passend die Musikbeispiele ein und die beiden haben sich die Bälle gut zugeworfen. Was mir bei der Einführung schon auffiel war, dass sich diesmal sehr viele Junge Leute in die Oper gewagt haben. Worauf das Stadttheater zu recht sehr stolz ist, war, dass viele der, ich glaube insgesamt 13, Figuren vom Stadttheater selbst übernommen wurden. Neu für mich war Ferdinand Keller, der zu dem Ensemble gekommen ist und laut einiger Besucher, die in „Ich, Ich, Ich“ waren, auch da eine gute Figur gemacht hat.
Melinda Paulsen ist Mezzosopranistin aus der USA sowie Gesangsprofessorin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Frankfurt/Main. Anna Nekhames von der Oper Frankfurt ist Sopranistin und das ich es mal erleben darf, dass eine Sängerin von der Oper Frankfurt in Gießen singt, kann ich bis jetzt kaum fassen, ist aber so, genauso wie Collin Schöning vom Ensemble des Staatstheaters Mainz und da habe ich noch nicht mal Solen Mainguené von der Oper Leipzig erwähnt. In was für einer Opernwelt lebe ich gerade, wenn ich sehe, dass solche Sänger und Sängerinnen nach Gießen kommen? Wahnsinn! Dies ist einfach mal eine Anmerkung, damit man begreift, in was für einer Vorstellung ich mich nun begeben habe.
Der Anfang war schon richtig gut, mit Melinda Paulsen als Adelaide, der Mutter von Arabella, und Jana Marković als die Kartenaufschlägerin, einer Wahrsagerin, die mit ihren fadenscheinigen Vorhersagen Adelaide das Geld aus der Tasche zieht. Es war einfach ein guter Start in die Oper. Wobei mir da schon klar wurde, dies wird heute anstrengend, denn ich habe schon gehört, das Deutsch nicht immer melodisch klingt im Gegensatz zu italienischen Opern oder auch dem russischen Eugen Onegin. Dazu zwei Sopranistinnen, das ist schon fordernd für die Ohren. Man muss sich da erstmal dran gewöhnen, wobei Arabella gesungen von Solen Mainguené, der Sopranistin aus Leipzig und Annika Gerhards, die Arabellas Schwester Zdenka bzw. nach außen hin ihren Bruder Zdenko gesungen hat, phantastisch waren. Nach außen hin deswegen, weil wir ja schon erfahren haben, dass Arabellas Mutter das Geld zur Wahrsagerin bringt und ihr Vater Graf Waldner, gesungen von Clarke Ruth, sein Geld gerne verspielt und somit nicht genug Geld da ist, um zwei Töchter standesgemäß zu kleiden und zu vermählen, oder vielmehr sie in die Gesellschaft einzuführen. Zdenko ist der beste Freund von Matteo, der von Ferdinand Keller gesungen wurde, und ist auch noch in ihn verliebt. Matteo aber wiederum ist voll und ganz in Arabella verliebt. Arabella wiederum will nichts von Matteo, allerdings auch nichts von den anderen Männern, die ihr den Hof machten wie Collin Schöning als Graf Elemer, Nikolaus Nitzsche als Graf Dominik oder Tomi Wendt als Graf Lamorai. Sie alle bekommen eine Abfuhr von Arabella, die sich dann aber Hals über Kopf in Mandryka verliebt, der von Grga Peroš gesungen wird, und der ein Verwandter von einem Kriegskameraden von Graf Waldner ist. Er ist sehr reich und Graf Waldner fädelt dies ein, da der sich davon erhofft, dass Mandryka seine Geldprobleme löst.
Mandryka und Arabella verlieben sich auch sofort ineinander. Es wäre aber keine gute Oper, wenn da nicht noch was dazwischen kämme, in dem Fall Zdenka, die versucht das Herz von Matteo zu erobern und sich dafür in den Briefen immer wieder als ihre Schwester ausgibt. Als sie sich ihm offenbaren will, denkt Mandryka aber, dass Matteo zu seiner Arabella geht in ihrer letzten Nacht als Mädchen. Die typische Verwicklung.
Es sind zweieinhalb Stunden große Oper mit großen Gefühlen und musikalisch und gesanglich richtig gut, bis auf ein paar Kleinigkeiten. Clark Ruth gefiel mir wieder richtig gut. Ich mag einfach seine Stimmfarbe in den meisten Stücken. Grga Peroš könnte ich auch immer wieder zuhören. Melinda Paulsen könnte ruhig das ein oder andere Mal von Frankfurt nach Gießen kommen. Anna Nekhames hat auch einige Solis als Fiaker-Milli im zweiten Teil gehabt, wo ich dachte, wow, das ist großes Theater. Annika Gerhards war neben Solen Mainguené ein wenig blass, wobei dies auch an der Figur liegen könnte, da Zdenka in meinen Augen eher etwas schüchtern erscheint. Arabella ist nun mal die Ballkönigin, wobei ich denke, dass auch sie das Herz am rechten Fleck hat. Im ersten Akt war mir Solen Mainguené teilweise zu präsent mit ihrer Stimme. Was das Ganze problematisch machte war, dass beide Sopranistinnen trotzdem richtig kräftige Stimmen haben., was dann zusammen mit der nicht so melodischen Sprache in manchen Gesangsparts sehr anstrengend war.
Nach der Pause sind leider einige Plätze leer geblieben. Ich bin mittlerweile ja häufiger in Opern und kann damit auch umgehen. Für Menschen, die nicht so oft in Opern gehen und da waren heute einige im Theater, war der erste Akt glaube ich teilweise sehr überfordernd.
Und nun komme ich zu dem Part nach der Pause und da gab es eine Veränderung. Auf einmal hat Arabella mit Mandryka geflirtet. Zdenka hat sich besser gefunden. Es war wie bei der konzertanten Aufführung der „Perlenfischer“ im letzten Jahr. Auf einmal stimmte die Chemie auf der Bühne. Es waren auf einmal alle Sänger und Sängerinnen präsent. Es wurde wieder mit den Räumlichkeiten im Theater gespielt. Der Chor war teilweise im Rang. Anna Nekhames hat zwar so eine Klangfarbe, die schwierig für mich ist, aber das, was sie da gesungen hat, war schon richtig richtig gut. Dazu das Orchester, welches auf der Bühne stand und wirklich zweieinhalb Stunden Höchstleistung gebracht hat. Egal ob es die Geigen waren, das Holz, oder Blech, ganz zu schweigen vom Schlagwerk, jeder auf der Bühne hatte seinen Moment.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich häufig Richard Strauss erleben möchte. Ich bin mir noch nicht mal sicher, ob es vielleicht an der Sprache liegt, aber Richard Strauss ist so oder so immer wieder fordernd. Das es trotzdem ein toller Abend war, macht der Schluss deutlich. Es gab stehende Ovationen und einen minutenlangen Applaus. Wenn es Aufzüge gegeben hätte, wären es sicherlich drei Stück gewesen. Es war im Nachgang ein toller Abend, der sich im ersten Akt zwar angedeutet hat, aber der seinen wirklichen Höhepunkt im zweiten oder dritten Akt hatte. Das lag vielleicht auch daran, dass ich mich zum einen mit zunehmender Dauer immer besser an Richard Strauss gewöhnt habe, zum anderen sich vielleicht auch die vielen verschiedenen Sänger und Sängerinnen besser aufeinander eingespielt haben. Ich weiß nur, ich würde diese Oper gerne noch ein zweites Mal sehen und hören. Vielleicht ergibt sich ja noch eine Chance? Wer weiß das schon?