Frau Yamamoto ist noch da

[Theater] Lachen, Kopfschütteln, Nachdenken: Mein Fazit zu „Frau Yamamoto ist noch da“

Es ging ins Theater: Auf dem Programm stand die Premiere von „Frau Yamamoto ist noch da“.
Zuerst gab es eine Einführung von Tim Kahn. Er erklärte, wie wichtig die Autorin Dea Loher für das Theater ist und worauf die Regisseurin beim Umgang mit dem Stoff geachtet hat. Beim Schauspiel, genauso wie beim Film oder in der Musik, kann man Stücke unterschiedlich interpretieren. Man muss es sogar, denn jede Bühne, jedes Ensemble oder Orchester hat andere Möglichkeiten. Warum ich die Einführung erwähne: Das Stadttheater setzt auf Einfache Sprache, und auf der Homepage ist die Sprache überall vereinfacht. Diesmal fiel mir auf, dass Kahns Einführung in Stil und Wortwahl diesem Standard teilweise nicht gerecht wurde. Normalerweise erreicht er mich emotional — diesmal erzeugte seine Ansprache eher ein Hintergrundrauschen. Meine Kollegin Kerstin sagte, ihr sei das schon öfter aufgefallen. Wahrscheinlich wäre es mir nicht so aufgefallen, wenn ich nicht inzwischen überall im Stadttheater die Einfache Sprache erlebe.
Zum Stück selbst: Beim Betreten des Saals ist auf der Bühne schon Leben. Man sieht einen Querschnitt eines Hauses, überall sitzen Menschen, die später Teil des Stücks werden. Man erlebt, wie sich Nino, gespielt von Joey Nashaa Scholl, mit seinem Partner Erik, gespielt von Pascal Thomas, unterhält. Erik ist der Typ, der im Leben vorankommen möchte; Nino ist eher ein Träumer, der auf Menschen zugeht und von Frau Yamamoto erzählt. Roman Kurtz hat eine beeindruckende Präsenz: Er sitzt zu Beginn in Frau Yamamotos Wohnung, liest und ist trotzdem mit seiner Persönlichkeit präsent. Wie macht man das? Er sagt nichts, tut nichts Auffälliges — und trotzdem spürt man ihn. Das würde ich auch gerne können.

Copyright: Lena Bils

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Das Grundthema des Stücks ist die Frage, wie man lebt und wie man mit den Menschen umgeht, die einen umgeben — wie offen man seiner Umwelt begegnet. Zentrale Figuren dabei sind Nino und Frau Yamamoto: Sie nehmen die Menschen, wie sie sind. Diese Grundhaltung wird uns in vielen verschiedenen Szenen, die zu einem Stück zusammenfließen, immer wieder vermittelt.


Man trifft auch ein Paar im Restaurant: Stina Jähngen spielt die Frau, Ali Aykar den Mann. Beide geben nicht unbedingt sympathische, eher unsichere Menschen. Man merkt das zum Beispiel daran, dass sie den verdorbenen Fisch nicht zurückgeben wollen, weil sie glauben, das Servicepersonal beobachte sie und verdächtige sie des Diebstahls. Solche kleinen Einspieler zeigen normale Menschen und liefern immer wieder Situationskomik. Oft kann man lachen oder mit dem Kopf schütteln. Bei Stina Jähngen hatte ich aber zwischendurch den Eindruck, sie sollte weniger „spielen“ und mehr in der Rolle aufgehen — manchmal wirkte es etwas überdreht, als hätte sie die Figur nicht vollständig angenommen.


Beachtlich ist die Verwandlungsfähigkeit aller Schauspieler*innen. Viele der zehn Schauspieler*innen schlüpfen in mehrere Rollen, manche gar in fünf verschiedene: Izabella Radić ist Servicekraft, überlegene Klientin eines schwachen Therapeuten, erfolgreiche Managerin sowie Fisch und Taube: Man nimmt ihr jede Rolle ab. Auch bei Carolin Weber habe ich das wieder erlebt: Ich saß da und dachte kurz, das könne nicht Carolin Weber sein — und doch war sie es. Besonders die Szene mit der Nachbarin, die durchs Fenster schaut, war so echt, wie man es in jedem Dorf und jeder Stadt beobachten kann.
Lillith Borchert ähnelt in meiner Wahrnehmung Stina Jähngen: Sie könnte noch mehr zur Person werden und etwas weniger „spielen“. Andererseits stehen beide Schauspielerinnen am Anfang ihrer Karriere — da kann sich vieles noch sehr gut entwickeln. Eine besondere Leistung vollbringt Germaine Sollberger: Seit „Einsame Menschen“ gefällt sie mir immer. Ihr nehme ich sofort ab, dass sie Gedichte schreibt und genau so „tickt“. Die Frau im Schwimmbad mit dem Mädchen war genau das, was ich sehen wollte — sehr glaubwürdig. Das Kind im Schwimmbad spielte Nina Plagens: Ihr kindliches Wesen bringt sie stets gut rüber. Manchmal wirkt sie auf der Bühne etwas hektisch, aber diesmal hat sie mich als Milena, der Nichte von Erik, richtig abgeholt.


Eine Besonderheit in diesem Stück ist die Allgegenwart von Tieren: Tauben, Krähe, Wildschwein, Katze, Fisch oder Ratten — sie waren immer da und durchgängig überzeugend. Das lag nicht zuletzt an den großartigen Masken, die speziell für dieses Stück im Stadttheater gebaut wurden und allesamt sehr real wirkten. Kerstin und ich dachten zuerst, hinter der grazilen Bewegung der Fliege müsse eine Tänzerin stecken. Die Art, wie sie sich bewegte, wirkte wie eine echte Fliege in meinem Zimmer. Später stellte sich heraus, dass es Stina Jähngen war — ein Kompliment für ihre Verwandlung. Ein großes Lob geht auch an Anna Kuch, die den Schauspieler*innen diese Bewegungen beigebracht hat. Ich verneige mich vor der Leistung, so etwas menschlich zu erarbeiten.


Nach der Aufführung sprach ich zufällig ein Paar an, das vorher noch nie im Theater gewesen war — sie waren begeistert und angetan von dem Stück. Für sie war es ein besonderes Erlebnis; sie hoben besonders die Musik hervor, die Chris Lüers komponiert und zusammengestellt hat. Mir persönlich war der Schluss ein wenig schwach: Er wirkte auf mich zu wild und zu fröhlich und gleichzeitig etwas beliebig. Andererseits gefiel genau dies anderen — und darin liegt ja die Schönheit des Theaters: Kultur wirkt auf jede*n anders. Deshalb sollte man gemeinsam ins Theater gehen und all das erleben. „Frau Yamamoto ist noch da“ wird hoffentlich noch oft im Stadttheater Gießen zu sehen sein. Das Stück von Dea Loher macht Spaß und regt zugleich zum Nachdenken an.

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