Orchester

[Konzert] Klangliche Metamorphosen: Von gefrorener Stille und entwaffnender Ehrlichkeit im Stadttheater Gießen

Ich wollte unbedingt in dieses Preview, denn es stand etwas Besonderes auf dem Programm und zwar ein Gespräch mit einer Komponistin. Die Komponistin war Hannah Eisendle und ihr Stück war „crushed ice II“ aus dem Jahr 2020. Also habe ich diesmal auch Heike eingepackt und ich glaube wir waren das erste Mal in diesem Jahr zusammen im Stadttheater. Ein Gespräch mit einer lebenden Komponistin, kann man sich nicht entgehen lassen. Aber dazu später mehr.


Gestartet wurde, wie immer beim Previewkonzert, nicht mit einer Einführung, sondern direkt im Theatersaal mit einem Stück. Diesmal Stand der Anfang ganz im Zeichen von Paul Hindemith. Das macht schon wirklich richtig Spaß diesen Komponisten zu hören. Wenn dann auch noch Andreas Schüller etwas über das Leben und Wirken eben dieses Komponisten erzählt, sitzt man da und kann nur gebannt zuhören. Was dieser Komponist so alles machte, da wanderte er, komponierte und war eindeutig wohl ein Lebemann, nebenbei auch noch ein hervorragender Bratscher. Er war ein Multitalent. Er war für die Nazis entartet als Künstler, aber technisch brillant habe ich mal irgendwo gelesen. Dass er dann erst in die Schweiz und dann nach Amerika ausgewandert ist, kann man sich irgendwie vorstellen.
Wir hörten auszugsweise die „Symphonische Metamorphosen von Themen Carl Maria von Webers“ von 1944. Das war wirklich richtig schön, vor allem der Anfang mit der Piccoloflöte. Ich hatte sofort Asien im Kopf von dem Klang her. Dazu noch die Glockenklänge mit der Röhrenglocke – ich war hin und weg. Wenn man dann noch das Original von Carl Maria Weber aus der Ouvertüre von “Turandot“ vorgespielt bekommt, dann wird es wirklich sehr beeindruckend. Es macht Spaß, sich diese beiden Komponisten anzuhören. Diese Vergleiche sind einfach wunderbar. Aber auch wie Hindemith mit anderen Einflüssen gespielt hat, also auch mal ein wenig Jazz oder meinetwegen Big Band in seine Stücke eingearbeitet hat, ohne den Stil des Stückes komplett zu ändern, ist faszinierend. Es macht so viel Freude, sich diesen Klang anzuhören und den Erklärungen von Andreas Schüller zu lauschen.


Es war auch wieder ein Solist da und zwar Wataru Hisasue. Er war schon mal in Gießen und zwar 2023 wo er Variationen von Paganini gespielt hat. 2025 hat er im Concours Reine Elisabeth in Brüssel den zweiten Preis erhalten. Dort hat er das Finale mit Johannes Brahms Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83 aus dem Jahr 1881 gespielt. Und genau dieses Stück hat er uns heute Abend auch zumindest ausschnittsweise vorgetragen. Ich bin nun fast schon ein kleiner Fanboy von ihm, nicht nur wegen des tollen Klavierspiels zusammen mit dem Orchester des Stadttheaters, was so unwahrscheinlich leicht und flüssig bei mir ankam, sondern auch wegen des Gesprächs mit Herrn Schüller, wo er auf die Besonderheiten des Stückes einging. Er erklärte zusammen mit Herrn Schüller wie schwierig das Stück ist, obwohl es für den Zuhörer so leicht klingt. Und da sind wir wieder bei dem Thema. Nur weil etwas leicht aussieht, ist es noch lange nicht leicht. Und obwohl es schwierig klingt, kann es dennoch leicht zu spielen sein. Was mir so gefallen hat, war diese entwaffnende Ehrlichkeit, teilweise auch eine gewisse Schüchternheit außerhalb des Spiels. Wenn er an seinem Instrument sitzt, kann er alles. Da ist er kraftvoll aber auch zärtlich, leicht und verspielt. Diese Kombination zusammen mit dem Cello machte es für mich zu einem besonderen Erlebnis. Ich werde mir in den nächsten Tagen auch noch seine CDs zu Gemüte führen. „The Recital“ von 2022 und „Did it Again“ aus 2025 sind von ihm als Solokünstler. Ich bin auf alle Fälle sehr gespannt.

Den Abschluss machte Paul Hindemith mit dem „Marsch aus den Symphonische Metamorphosen von Themen Carl Maria von Webers“ und man ist gut aus dem Abend rausgekommen.


Sicherlich fragt ihr euch wie war das mit Hannah Eisendle und das war spannend. Während ich bei crushed ice II mitten in meinem letzten Krimi „Die Weise Nacht“ von Anne Stern war, hatte Heike so ihre Schwierigkeiten. Ich hatte diesen Hungerwinter von 1946 in Berlin vor Augen. Für mich wäre dies die perfekte Untermalung zu diesen Historischen Krimi. Dieses Eis und diese Kälte in dem Buch gingen mir teilweise genauso unter die Haut, wie bestimmte Abschnitte in der Komposition von Hannah Eisendle, insbesondere diese Stille. Ich hatte nicht Eiszapfen oder so vor meinem geistigen Auge, sondern Eisblumen an den Fenstern. Dieses Hungergefühlt, welches an einem nagt, diese ständige Kälte, die man nicht mehr los wird.
Dies waren meine Verbindungen und Heike hat da immer so ein wenig Probleme mit, genauso wie wenn ich zu viele Dystopien lese. Dabei finde ich, dass ich gar nicht so viele lese. Interessant war wie Hannah Eisendle komponiert. Irgendwie habe ich das Gefühl, sie hört und fühlt die Noten, die sie auf das Papier bringt. Wobei sie dies, wenn es dann das erste Mal von einem Orchester gespielt wird, ganz anders anhören kann.
Sie beschrieb wie sie zum Komponieren gekommen ist, wie wichtig ihr dabei aber auch das Dirigieren ist und wie wichtig ihr gerade Opern sind. Wobei ich mir da die Frage gerade stelle, welche Opernkomponisten sind für sie Vorbilder? Es war ein enorm spannender Abend wobei die Gespräche mit Hannah Eisendle während des Konzertes mit Andreas Schüller sowie nach dem Konzert im Foyer mit Julia van der Horst beide sehr locker und trotzdem informativ waren.
Ich kann jedem nur empfehlen, mal in ein Previewkonzert zu gehen und sich Andreas Schüller oder wer auch immer gerade durch das Programm führt zu geben. Denn es macht so viel Spaß, es ist nie von oben herab, sondern er spricht wie jeder anderer Mensch, ohne verkopft zu sein.


Ich liebe die Einführungen Julia van der Horst im Musiktheater und auch heute konnte ich mir den ein oder anderen Schmunzler während des Interviews nicht verkneifen. Und das spiegelt sich immer auch bei den Gästen. Man hat Spaß und Freude, man kommt mit einem Lachen und geht mit Freude aus dem Konzert. Ich habe jetzt weniger Angst vor Komponisten und wie gesagt Wataru Hisasue ist bestimmt noch den ein oder anderen Abend mit Musik wert. Es bleibt mir nichts Anderes übrig, wie zu sagen: „Geht ins Theater, in Konzerte! Erlebt Künstler live und in Farbe, saugt es auf und vielleicht geht es euch irgendwann ähnlich, wenn ihr feststellt, dass man kaum mehr Spaß mit klassischer Musik haben kann, wie bei einem Previewkonzert z.B. im Stadttheater Gießen.

Related Posts
[Konzert] Hochemotional und lebensbejahend
Zuschauerraum-STG

Es passiert ja leider nicht so oft, dass ich im Stadttheater Gießen bin und beim 8. Sinfoniekonzert in der Spielzeit Read more

[Oper] Alp Arslan – Verdammt schwer, aber verdammt gut
arslan-rkw-190502-1-5052

Diesmal waren wir zu zweit im Theater und wir kamen in den Genuss einer Uraufführung im Stadttheater Gießen. Es wurde Read more

[Konzert] Musikalisches Freundschaftsspiel zwischen Gießen und Darmstadt
thea0011_Foto_Rolf_K._Wegst

Ich werde ja langsam zum Stammgast im Stadttheater Gießen. Diesmal war es das 4. Kammerkonzert und zwar mit einem Horn Read more

[Sinfoniekonzert] Was für schwerer ein Start in die neue Spielzeit
Zuschauerraum-STG

Manchmal stell ich mir die Frage, was soll ich mit dieser Musik anstellen? Diesmal hat mich das Stadttheater in Gießen Read more

Verpasse unsere Tipps nicht!

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Einverständniserklärung
Teilen mit Liebe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert