[Oper] Martha – oder, wie cool inszeniert kann eine konzertante Oper sein?
Heute hatte die Oper „Martha“ von Friedrich von Flotow Premiere als konzertante Aufführung am Stadttheater Gießen Premiere. Die Uraufführung feierte „Martha oder der Markt zu Richmond“ 1847 am Kärntnertor-Theater in Wien. Sie steht in der Tradition der französischen Opéra Comique und prägte den Begriff der Spieloper. Dies ist nicht ganz zufällig, da Flotow in Paris Komposition studierte und dort auch mit Jaques Offenbach bekannt war.
Dies und noch vieles mehr erzählte Leonard Lampert, der bei diesem Werk als Dramaturg tätig war, in seiner Einführung zur Oper. In dieser wie auch im Programmheft wurde Loriots Sketch zu Martha zitiert. Bei Lamperts Erläuterungen zur Entstehungsgeschichte musste ich an einen ganz anderen Sketch denken – den mit Evelyn Hamann und der Ankündigung des Fernsehkrimis auf „Landsitz North Cothelstone Hall von Lord und Lady Hesketh-Fortescue“. In diesen Zungenbrechern kann man sich genauso herrlich verhaspeln, wie in den verschiedenen Werken der Entstehungsgeschichte von „Martha“ die auch Ballett-Titel in französischer Sprache aber mit englischen Ortsnamen enthielt was auch mal zu Irritationen bei der Aussprache führte. Man kennt es durchaus selbst. Wenn wieder viele englische Worte in einem Satz sind, tendiert man schnell mal dazu eigentlich deutsche Begriffe englisch auszusprechen. Diese kleinen Stolperer waren ebenso charmant und auflockernd wie besagter Sketch und zeigt einmal mehr: Wir sind alle nur Menschen.
Doch worum geht es eigentlich. Lady Harriet Durham und ihre Vertraute Nancy langweilen sich im englischen Adel. Auch die Avancen von Lord Tristan Mickleford machen es nicht besser, eher schlechter. Als sie eine Gruppe Mägde auf dem Weg zum Mägde-Markt in Richmond sehen kommt ihnen die Idee sich zu verkleiden und ebenfalls diesen Markt aufzusuchen. So stürzen sie sich als Mägde Martha und Julia in dieses Abenteuer. Lord Tristan muss als Bob mit. Martha und Julia werden von den Brüdern Lyonel und Plumket als Mägde für ein Jahr verpflichtet. Und somit nimmt das Schicksal seinen Lauf. Die Verwirrungen sind groß und amüsant.
Nach dieser gelungenen Einführung ging es dann mit Spannung in die Vorstellung, wurde doch für diese konzertante Aufführung ein Conférencier angekündigt. Auf der Bühne warteten schon eine Gartenbank und ein dekoriertes Tischchen. Alles sehr ungewöhnlich für eine konzertante Aufführung. Diese ist man eher sehr neutral und nüchtern gewohnt. Die Solisten im Abendkleid auf der Bühne, weder Bühnenbild, noch Requisite oder Kostüme. Hier war alles anders. Es ist fast schon eine szenische Aufführung mit minimalistischen Mitteln. Ich nöle ja gerne mal, dass die Kostüme und das Bühnenbild bombastischer sein dürfen. Hier hat mich die Umsetzung absolut geflasht. Ich habe optische Öde erwartet und wurde mit einer Gestaltung überrascht, die ihresgleichen sucht. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber für eine Verwechslungskomödie, und so verstehe ich die Handlung von „Martha“, sind meiner Meinung nach Kostüme sehr wichtig. Dies wurde hier perfekt eingesetzt. Es unterstrich die Handlung, ohne überladen zu wirken. Wie Ute Engelhardt nach der Premiere sagte, war es eigentlich schon fast eine szenische Aufführung.
Die Figur der Conférenciers hat mich besonders begeistert. Ben Janssen aus dem Schauspiel-Ensemble hat diese Rolle perfekt verkörpert. Er hat den Zuschauer wunderbar und humorvoll durch die Handlung geführt. Seine Texte unterstrichen auch die parodistischen Züge des Stückes, der Opéra Comique.
Insgesamt war die Besetzung herrlich und man hatte den Eindruck, dass einfach alles stimmig war. Besonders schön war das Zusammenspiel von Clark Ruth als Plumkett und Julia Rutigliano als Nancy, aka Julia, im zweiten Teil. Selbst bei den Ovationen hatte man noch irgendwie das Gefühl, sie spielten ihre Rollen einfach weiter. Dies alles strahlte so eine besondere Beschwingtheit und Leichtigkeit aus. Für Julia Rutigliano war dies ein Gastspiel. Im vergangenen Jahr spielte sie die Azucena in Verdis „Troubadour“. Ich finde ihre Stimme sehr angenehm und würde mich freuen, sie gelegentlich wieder hier zu hören. Clark Ruth ist einfach genial in seiner Rolle als Plumkett und ich bin immer wieder fasziniert von seiner Stimme. Diese warme Tiefe nimmt einen völlig gefangen.
Aber angenehme Stimmen gibt es im Stadttheater Gießen ja einige. Ich kann eigentlich nur alle loben. Julia Arújo spielt die hochnäsige Lady Harriet Durham, aka Martha, ausgesprochen pointiert und überzeugend. Ihre Mimik in dieser konzertanten Aufführung ist extrem fein und hebt wirklich dieses schnippisch-arrogante Wesen der Figur heraus. Ihr gewollt schneidender Sopran unterstreicht dies ebenfalls und ergänzt sich wunderbar mit den tieferen Lagen der anderen Sängerinnen und Sänger, besonders im regen Dialog mit den Tenören Tomi Wendt als Lord Tristan Mickelford, aka Bob, und Ferdinand Keller als Lyonel.
Insgesamt haben wir viele tolle Stimmen am Stadttheater. Hier sei auch der Richter von Richmond, gesungen von Leo Jang, sowie der gesamte Opernchor erwähnt. Alle haben eine tolle Leistung abgeliefert. Dies gilt auch für die Musikerinnen und Musiker des Philharmonischen Orchesters. Es ist einfach ein Ohrenschmaus. Heute hatte besonders das Horn seine Solomomente, aber auch die Oboe und die Klarinette. Insbesondere das in der Oper thematisierte irische Volkslied „Die letzte Rose“ fordert einfach nach einer Klarinette. Aus meiner Sicht eine ideale Kombination, da nur die Klarinette diesen warmen, aber doch manchmal auch stacheligen Klang hat, der den Charakter dieses Liedes widerspiegelt.
Insgesamt war dies wieder ein herrlicher Abend mit guter Musik, bei dem ich wunderbar unterhalten wurde. Wer eine steife konzertante Aufführung sucht, ist hier fehl am Platz. Wer aber einen tollen Abend mit guter Musik und fast schon szenischen Aufführung, sowie viel Humor erleben will, der sollte dringend schauen, wann die nächste Aufführung der romantisch-komischen Oper „Martha oder der Markt zu Richmond“ am Stadttheater Gießen ist. Das muss man wirklich gesehen haben.