Die Weisse Nacht

[Rezension] Die weiße Nacht – Anne Stern

Wo die Ruinen flüstern und die Hände beten – ein Krimi über Schuld, Schweigen und die Kälte des Krieges

|

Der erste Fall für Lou & König: Ein Nachkriegskrimi, historisch präzise, bewegend und extrem spannend! Kriminalkommissar Alfred König bekommt es im Hungerwinter 1946/47 mit einer Frauenleiche im Schnee zu tun. Die junge Fotografin Lou Faber hat die Tote in den Ruinen gefunden und trägt mit ihren Fotos unfreiwillig zur Ermittlung bei. Während Heiligabend näher rückt, lassen Lou die gefalteten Hände der Toten nicht los. Mit ihrer Intuition hilft sie König und ahnt bald, dass hinter seinem Schweigen ein Geheimnis steckt, das sie verbindet. Der Fund weiterer Leichen setzt die Ermittler unter Zeitdruck und weist in eine neue Richtung, zurück in die finstere Vergangenheit.

Für alle Gereon-Rath-Fans!

Es ist ganz schön kalt dieses Buch. Ich habe mich in den letzten Wochen immer wieder zur Arbeit geschleppt und gehofft noch ein oder zwei Kapitel in „Die Weiße Nacht“ zu lesen. Es waren stressige und kalte Wochen und ich wollte immer wieder in den Hungerwinter 1946/47 zurück. Ich wollte die Zeit mit der Fotografin Lou verbringen. Die durch ihren Kiez streift und nach ihrem Mann sucht. Und zwar durch den Sucher ihrer Kamera.

Sie entdeckte dadurch eine tote Frau zwischen den Ruinen. Nun sind tote Menschen in dieser Zeit nichts Besonderes, aber diese lag da und hatte ihre Hände so gefaltet, als würde sie beten. So wie wenn man abends sein Abendgebet aufsagt und die Hände so auf der Decke behält. So etwas Friedliches. Lou ruft die Polizei und Kommissar König kommt und nimmt sich dem Fall an.

Sie soll dann auch ihre Fotos von der Leiche abgeben, gibt aber der Polizei nur einen unbelichteten Film. Das Original nimmt sie an sich und entwickelt es zuhause bei sich. Irgendwann schlägt König bei ihr auf, da er die Fotos haben möchte und auch benötigt, denn der Fotograf der Polizei ist nicht so wirklich der beste und beleuchtet mal kurz einen Film.

Man bekommt schon ein Gefühl, wie es damals wohl gewesen ist, so nach dem Krieg, dieses Misstrauen gegenüber der Polizei. Oder auch wie es ist, wenn man Polizeiarbeit leisten muss, wenn man immer wieder Sektorengrenzen übertritt und immer wieder einen anderen Vorgesetzten hat. Man spürt deutlich das beklemmende Gefühl, wenn Erwachsene, aber auch Kinder, auf dem Schwarzmarkt Geschäfte machen. Wie es ist, wenn man das nötigste nicht bekommt. Man lernt die Kinder Justus und Gerti kennen. Justus, der immer wieder auf „seine“ Gerti aufpassen will und ihr imponieren möchte, fällt besonders auf.
Es ist beklemmend und zeitgleich faszinierend, wie jeder versucht noch mehr Profit aus dem ganzen schlagen zu können. Aber dann auch immer wieder diese Zweifel, die man an der eigenen Person hat. An diesem mehr Schein als Sein empfinden, welches sich für mich durch das ganze Buch schlängelt.
Ständig will man weiterlesen, es ist wie eine Sucht, die einen befällt. Dies liegt zum einen an der Sprache, die Anne Stern verwendet, aber auch an dem ganzen Setting. König selbst war im Gefängnis für politische Gefangene. Er hat wohl den Befehl verweigert, als er in Polen andere erschießen sollte.
Die Schuld, die er fühlt, weil er erst so spät etwas gemacht hat, spürt man immer. Er versucht gerecht zu sein, aber er spürt, dass er, wie wir alle, einfach nur ein Mensch ist. Genauso wie Lou, die mit einem alten Freund zusammenlebt. Alle anderen ihrer Gruppe von Widerständlern sind tot. Auch sie hat wohl negative Dinge erlebt, Verfolgung durch die Nazis, wobei sie überlebt hat. Alle anderen außer ihrem Mitbewohner, der auch psychisch ein Wrack ist, haben nicht überlebt. Bei ihrem Mann ist es noch nicht klar, da sie noch keine Todesmeldung gefunden hat.

Es geschehen weitere Morde. Man stellt fest, dass diese immer mit einem Schlafmittel durchgeführt wurden und jedes Mal wurden sie so aufgefunden. König und Lou sind eng im Gespräch miteinander über den Fall. Durch das Auge einer guten Fotografien fallen Lou immer wieder Dinge auf, die König so nicht sieht.
Ein wenig kommt auch der Zufall durch Justus und sein kleinkriminelles Leben zu Hilfe. Immer wieder kreuzen sich die Wege aller Personen. Man bekommt ein Gefühl, wie das Leben in Berlin nach dem Krieg vielleicht gewesen ist, aber auch in den Psychiatrien während der Naziherrschaft, und dass die Nürnberger Prozesse vielleicht doch nicht so effizient waren, da zu wenige ihre gerechte Strafe erhalten haben.

Es gibt da immer wieder kleine Details des täglichen Lebens, die beleuchtet werden, wie die Beschaffung eines Christbaums, wie unterschiedlich schnell Teile von Berlin wieder aufgebaut wurden, wie es ist, wenn man immer wieder Glück haben muss, dass der Strom gerade mal da ist. Dies alles macht das Ermitteln für die Polizei schwieriger, denn dann geht halt mal das Telefon nicht, Bahnen fahren nicht.
Dieses ganze Setting ist einfach von der Atmosphäre ein wenig düster, aber trotzdem gibt es immer wieder Kultur und Zusammensein. Es ist ein überraschendes Ende des ersten Bands und ich hätte gerne gleich weiter gelesen, denn Anne Stern schafft es, einen Cliffhanger zu bauen, der angenehm ist. Man möchte die ganzen Personen und Handlungsstränge, die gesponnen wurden, nicht verlassen.

Anne Stern schafft es, einen Krimi zu schreiben, der sich wohl sehr dicht an der Realität entlang hangelt. Dieses Buch ist zum einen Krimi, aber auch Zeitgeschichte, genauso wie eine Warnung, dass wir unsere Geschichte nicht vergessen und verleugnen dürfen, damit so etwas nie wieder passiert. Und vorsichtig, dieses Buch lässt einen nicht mehr los! Arbeit, Essen, Kultur – alles kann stören. Mich hat es geärgert, dass dieses Buch so toll ist, aber mein Brotjob mir keine Zeit gelassen hat es schneller am Stück zu lesen.
Also, wenn ihr wisst, dass ihr einen Krimi aus der Nachkriegszeit lesen wollt, der einem vieles näher bringt, der nicht nur wegen der Temperaturen frösteln lässt und ihr Zeit für die 400 Seiten habt, dann lehnt euch zurück und taucht ein in den Hungerwinter 1946/47 mit Lou und König.

Die Weisse Nacht

Titel: Die weiße Nacht

Autor/In: Stern, Anne
Band: 1
ISBN: 978-3-492-07461-2
Verlag: Piper Verlag
Preis: 25,00€
Erscheinungsdatum: 02. Januar 2026

Bei Osiander.de bestellen.
Bei Genialokal.de bestellen.
Bei Buch24.de bestellen.
Bei Thalia.de bestellen.
Die Buchhandlung Freiheitsplatz.de unterstützen!
Die Büchergilde FFM unterstützen!
Related Posts

[Rezension] Mord in Hangzhou – Marlies Ferber

James Gerald: Ein Agent, der das Alter meistert

Mord in Hangzhou

Klappentext: Null-Null-Siebzig, Mord in Hangzou Ex-Agent im Ruhestand James Gerald wird von seinem früheren Arbeitgeber, dem britischen Secret Intelligence Service Read more

[Rezension] Miederhosenmord – Klaudia Blasl

Mord und Totschlag im idyllischen Damischtal: Ein skurriler Krimi voller schräger Charaktere und dunkler Geheimnisse

Miederhosenmord

Klappentext: Das Leben im steirischen Damischtal verläuft friedlich, bis ein Mord die Idylle zerstört. Da die Erstbegehung des neuen Pilgerwegs Read more

[Rezension] Heldenfabrik – Christian v. Ditfurth

Blutspur durch Deutschland: Eugen de Bodt auf der Jagd nach einem mysteriösen Mörder

Heldenfabrik

Klappentext: Die Täter hinterlassen nichts außer den Kugeln ihrer Maschinenpistolen in den Leichen ihrer Opfer. Und einem Gedicht über den Read more

[Rezension] Sayonara Bulle – Carsten Germis

Von der Provinz in die Megacity: Bernie Ahlwegs ungewöhnliches Abenteuer

Sayonara Bulle

Klappentext: Tokio statt Peine? Aufregend ist das Leben von Bernie Ahlweg nicht gerade. Mitte 50 und geschieden, schiebt der Provinzpolizist Read more

Verpasse unsere Tipps nicht!

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Einverständniserklärung
Wo die Ruinen flüstern und die Hände beten – ein Krimi über Schuld, Schweigen und die Kälte des Krieges

Es ist ganz schön kalt dieses Buch. Ich habe mich in den letzten Wochen immer wieder zur Arbeit geschleppt und gehofft noch ein oder zwei Kapitel in „Die Weiße Nacht“ zu lesen. Es waren stressige und kalte Wochen und ich wollte immer wieder in den Hungerwinter 1946/47 zurück. Ich wollte die Zeit mit der Fotografin Lou verbringen. Die durch ihren Kiez streift und nach ihrem Mann sucht. Und zwar durch den Sucher ihrer Kamera.

URL: https://literaturlounge.eu/2026/03/rezension-die-weisse-nacht-anne-stern/

Autor: LiteraturLounge

Name: Die Weiße Nacht

Autor: Anne Stern

ISBN: 978-3-492-07461-2

Veröffentlichungsdatum: 2026-01-02

Format: https://schema.org/Hardcover

Teilen mit Liebe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert