[Konzert] Heftig, aber markig – Mahlers Tragische entfaltet ihre ganze Urgewalt in Gießen
Einmal im Jahr gibt es ein besonderes Highlight, dann spielt die Philharmonie Südwestfalen mit unserem Philharmonischen Orchester aus Gießen in der Kongresshalle. Der Grund für diese Location ist, dass einfach auf der Bühne im Stadttheater zu wenig Platz für die ganzen Musiker ist. Schließlich sind es zwischen 100 und 115 Musiker und da platzt die kleine Bühne aus allen Nähten.
Die Einführung machte Leonard Lampert und er erzählte uns einiges über die verschiedenen Sinfonien von Gustav Mahler und im Besonderen über die Sinfonie Nr. 6 a-Moll, die auch „die Tragische“ genannt wird. Sie wird auch als Hammersinfonie bezeichnet, wobei Mahler den dritten Hammerschlag gestrichen hat. Die Gründe sind nicht so wirklich bekannt.
Herr Lampert erklärte einiges über Mahler und ich hatte so den Eindruck, dass er diesen Komponisten sehr schätzt. Man bekam das Gefühl, dass Mahler ein wirklich sehr gläubiger Mensch war. Er konvertierte vom Judentum zum Katholizismus. Mahler hatte wirklich ein schweres Leben und wurde von einigen harten Schicksalsschlägen getroffen. Wobei gerade das mit den Hammerschlägen in der Sinfonie etwas Prophetisches hatte, denn man könnte sagen, dass er dreimal richtig Schicksalsschläge erlebt hat. Vielleicht hat Mahler auch gerade deswegen den dritten Hammerschlag entfernt. Aber dies ist, wie so oft Raum zur Spekulation, da man den Komponisten nicht fragen kann.
Nachdem ich nun diese Sinfonie live erleben durfte, muss ich sagen, sie ist wirklich imposant. Diesmal gibt es keine Pausen. Die Sinfonie dauert ca. 80 – 90 Minuten und da kann man dann auch mal so lange sitzen und die Musik genießen.
Die Sinfonie beginnt mit dem Allegro energico und das Ganze hat auch wirklich richtig viel Energie. Im Programmheft steht dabei „Heftig, aber markig“ was in meinem Kopf bei der Musik ablief, war wirklich heftig. Man bekommt Angst und leichte Beklemmungen. Es ist ungefähr so, wie wenn man sich den „Weißen Hai“ ansieht und weiß, da kommt was Böses auf einen zu, sieht es aber noch nicht. Und das ist genau das Bild, was ich immer wieder hatte, wenn das Motiv in der Sinfonie erklang.
Es gibt stete Wechsel. Immer wieder wird es auch mal ruhiger und dann geht das Ganze mit dem Orchester richtig nach vorne. Es tauchen auch immer wieder Marschrhythmen auf und teilweise war es auch so, dass der Boden der Kongresshalle ein wenig vibriert hat. Wenn da über 100 Musiker vor einem sitzen, dann ist es einfach eine Wucht.
Diese Wechsel von Mahler sind Wahnsinn. Mir fällt da wirklich kein anderes Wort ein. Da sind die wuchtigen Schlagwerker, die aber plötzlich auch zart daherkommen. Dies wechselt wiederum mit Blech oder Holz. Einmal wird mit voller Wucht gespielt und dann sprüht es wieder vor zarten Gefühlen.
Nach dem Scherzo war in mir so viel Emotion, dass ich es kaum aushalten konnte. Ich schwankte zwischen Freude, Angst und etwas sehr Zaghaftem. Ich habe oft mit Emotionen zu kämpfen, wenn ich das Philharmonische Orchester erlebe, aber zusammen mit dem Philharmonischen Orchester Südwestfalen macht es mich komplett fertig., aber ich genieße es. Dieser Zusammenschluss ist einfach noch mal stimmgewaltiger. Ich habe ja manchmal Schwierigkeiten mit den Streichern, aber Mahler bringt es noch mal auf ein anderes Level.
Der dritte Satz war dann auch so etwas Moderater und ruhiger. Genau das habe ich auch gebraucht, aber auch da kommt immer wieder dieses Schicksalsmotiv durch. Nicht ganz so stark wie im ersten Teil, aber doch immer hörbar, wenn man nicht wirklich damit rechnet.
Im Finale kommt dann auch der Hammer zum Einsatz, wobei ich mir wirklich die Frage gestellt habe, wie wird der Hammer das alles verändern. Da das Schlagwerk so oder so schon sehr prägnant war, konnte ich mir nicht vorstellen, wie das noch gesteigert werden könnte, aber es ging.
Dann kamen die beiden Schläge. Es sind einfach laute Schläge, aber diese beiden Schläge geben noch mal etwas Brutales, was das Schlagwerk so sonst nicht hergibt. Ich bin auch Stunden später noch vollkommen in dieser Klangwelt gefangen, die ich so noch nie erlebt habe. Diese knapp 90 Minuten waren fordernd, laut, melodisch, warm. Das könnte ich so nie über eine Anlage oder einen Kopfhörer erleben. Es sind die leichten Vibrationen, die man nur im Konzert hat.
Diese zwei Orchester, die alleine schon toll sind, werden zusammen noch mal zu einem besonderen Erlebnis. Sicherlich hat Christof Prick die Orchester wirklich sehr gut geleitet und sie auch in der, von der Akustik her nicht optimalen, Kongresshalle zu Höchstleistungen getrieben.
Mir fiel auf, dass die üblichen Verdächtigen im Publikum saßen, genauso wie viele jüngere, die man von der Kleidung und dem Auftreten nicht unbedingt in einem Sinfoniekonzert erwartet. Und genau das ist es, was ich immer häufiger im Stadttheater erlebe. Das Publikum verjüngt sich langsam und sickert auch durch die verschiedenen Gesellschaftsschichten durch.
Genau da ist es wichtig, dass man solche Menschen wie Herr Lampert sieht, die für das Musiktheater leben und es schaffen, nicht so verkopft zu erzählen und einem auch Mahler näher zu bringen. Es ist besonders interessant, wenn Stücke die man nicht immer hört aufgeführt werden und dies mit einem solch stimmgewaltigen Orchester gepaart ist. Man muss es einfach genießen.