Nach einer Oper sollte irgendwann auch mal wieder ein Schauspiel anstehen und warum nicht „Das Opferfest“? Ganz ehrlich? Ich war skeptisch, warum muss man denn als Stadttheater ein Stück wie das Opferfest raussuchen? Muss es denn ein Stück sein, welches den höchsten Feiertag im Islam behandelt?
Man könnte da schon ein wenig komisch reagieren, aber es betrifft eben nicht nur den Islam! Und da sind wir dann wieder bei dem Thema, dass solche Themen wie die Geschichte zu dem Opferfest für Islam, Judentum und Christentum relevant sind und in den jeweiligen Schriften stehen. So als bibelfester Christ empfehle ich, mal das Alte Testament. Das Opferfest steht in Genesis 22, Verse 1-19.
Da sieht man wieder ganz deutlich, dass die Moslems, Christen und Juden eigentlich mehr vereint als trennt. Wir haben bei vielem eine ähnliche oder gleiche Mythologie. Das Problem ist immer die Auslegung und somit der Mensch.
Diesen Grundgedanken des Autors Ibrahim Amir, verschiedene Menschen an einen Tisch zu bringen, die sich unterhalten, finde ich total spannend. Wer kennt das nicht, ein Familienfest ohne Drama, ist kein wirkliches Familienfest. Zumindest ich kann mich an mehr dramatische Weihnachtsfeste erinnern, als an Feste, wo man vernünftig und ruhig zusammen feiert.
Ich konnte wirklich bei der Einführung nur nickend zustimmen zu dem, was Tim Kahn zu erzählen hatte. Ich könnte wieder vieles erzählen, aber selbst hingehen und erleben ist wie so oft mein Tipp.
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Gestartet wird das Ganze in Syrien, dem Land aus dem Rashid (Roman Kurtz) zusammen mit Sara (Carolin Weber) und ihren Kindern fliehen wollen. In dem Moment saß ich erst mal in dem Sitz und dachte: „O Gott, dass wird keine Komödie wie angekündigt.“. Ich war mir nämlich sicher, dass ich ein richtig schweres Stück nicht verarbeitet bekomme.
Und dann hat auch noch einer einfach in das Stück reingesprochen und zwar so richtig laut. Ich war wirklich kurz davor, was zu sagen, aber er hat mir aus der Seele gesprochen. Ich wollte auch eine Komödie! Irgendwie ist dieser junge Mann dann auch noch auf der Bühne gelandet und das war Dara (Dara Lalo). Irgendwie hat er es auch für mich geschafft, dem Stücke die Schwere zu nehmen. Er hat so etwas Unbeschwertes in das Stück gebracht und irgendwie hatte man dann schnell das Gefühl, er ist der Regisseur, da der eigentliche Regisseur scheinbar nicht anwesend ist.
Man lernt dann so nach und nach die Familie von Rashid und Sara kennen. Da ist Hasan (Ben Janssen), der älteste Sohn, der momentan wieder bei Mama und Papa eingezogen ist, zusammen mit seinem Baby aber ohne die dazu gehörende Frau. Sie wird immer wieder erwähnt, ist aber einfach nicht da.
Dann der korantreue Sohn Walid (Levent Kelleli), der sich mit dem Vater anlegt, weil dieser den geschlachteten Widder nicht selbst im Garten geschlachtet hat, sondern beim Metzger seines Vertrauens war. Es wird so ganz nebenbei noch erklärt was Halal eigentlich ist und warum es so wichtig ist.
Nebenbei wird dann auch noch Hasans Baby immer wieder ruhiggestellt und irgendwann kommt auch Jörg (Pascal Thomas) noch dazu. Wer kennt so einen Jörg nicht auch? Ein Nachbar, der einfach dazu kommt und der erst mal rummeckert und sich dann dazu setzt und alles in rauen Mengen probiert. Dara sorgt dann dafür, dass eben jener Jörg auch noch in den Dialekt verfällt. Klasse! Jörg kann es auch, nicht den Dialekt vom Dorf, aber halt das „normale“ Hessisch.
Als dann Max (Max Koltai), der neue Freund von der Tochter Ranya (Izabella Radić), zusammen mit ihr zum Opferfest kommt, ist die Familie komplett. Dieses Fest beinhaltet alles: Situationen zum Lachen, wo man über die Religion zumindest schmunzeln kann, dazu Drama, jeder Menge Drama, was jeder von uns schon mal erlebt hat.
So kommt es dann auch zustande, dass wohl jeder an einer anderen Stelle gelacht hat, wahrscheinlich deswegen, weil man sich schon mal in einer ähnlichen Situation befunden hat. Da ist es vollkommen egal, ob man in eine türkische, russische oder deutsche Familie kommt. Es passiert immer etwas, was man vorher nicht erwartet hat.
Wichtig ist, dass man sich unterhält und auch mal gemeinsam lacht und genau das passiert. Eines ist auch klar, dass man auch als gläubiger Mensch, egal ob Moslem, Jude oder Christ, schon mal Dinge macht, die man eigentlich nicht darf. Da ist es egal, ob man Alkohol trinkt, Drogen nimmt, Sex hat oder was auch immer. Ich denke jeder hat schon mal etwas gemacht, was eigentlich dem Glauben nach nicht erlaubt war. Hundertprozentig konsequent ist einfach niemand und ist das nicht sogar der Unterschied zum Fanatismus? Der Mensch ist einfach nicht perfekt und das ist gut so.
Genauso wie der eigentlich einsame Nachbar Jörg, der sich zwar über das Benehmen der Nachbarn aufregt und eine ganz besondere Sicht auf sie hat, der aber halt doch gerne auch Teil dieser Familie ist.
Für mich ist es ein Stück, welches durch den Humor und das Deuten auf die Gemeinsamkeiten und nicht das Trennende zwischen den Menschen besticht. Vielleicht sollte man mehr miteinander Essen, Reden und vor allem Lachen. Vielleicht brauchen wir einen Dara, der auch mal sagt: Eh ich will mal lachen! Traurig ist man genug.
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