[Konzert] Nicht nur ein Konzert: Ein Abend für das gemeinsame Erleben
Da ich beim ersten Termin der Schiffenberg Classics, der im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fiel, verhindert war, freute ich mich sehr über den Nachholtermin am 1. September und ging diesmal mit Heike hin. Oben angekommen war alles wie gewohnt – nur eben nicht im Stadttheater, sondern auf dem Schiffenberg, und das Konzertbüro Bahl war der Ansprechpartner.
Alles war sehr gut und reibungslos organisiert. Getränke und Essen wurden zügig ausgegeben und zu angemessenen Preisen angeboten. Das Personal war absolut freundlich und herzlich. Man lachte ein wenig miteinander und die gute Stimmung übertrug sich auf das Publikum.
Mir ist das, egal wo ich bin, wichtig: Ob Klassikkonzert, Rock oder Metall – ich mag es, wenn das Personal positiv auftritt. Das spürt man als Konzertbesucher, und es macht viel aus. Die besondere Atmosphäre auf dem Schiffenberg kennt jeder, der einmal auf dem Gießener Hausberg war. Dort entsteht eine Stimmung, die man nicht überall findet.
Heute gab es keine Einführung, sondern ein moderiertes Konzert. Moderator Stefan Frech hat eine sehr angenehme Stimme, wirkte bestens vorbereitet und verzettelte sich nicht in Floskeln. Man sah ihm das Leuchten in den Augen auch noch in den hinteren Reihen an. Nach dem Opener betrat er die Bühne und kündigte die Habanera von Bizet an. Unsere Mezzosopranistin Elisabeth Wrede meisterte das Stück sehr gut. Am Anfang wirkte sie etwas steif, vielleicht wegen des Stücks oder weil ich sie noch unwillkürlich mit ihrer Vorgängerin vergleiche. Gebt mir ein paar weitere Auftritte. Bei Mezzosopranistinnen und Sopranistinnen dauert es bei mir oft etwas, bis ich richtig Feuer und Flamme bin. In der Addams Family hatte sie aber bereits überzeugt.
Das erste große Highlight für mich war „Send in the Clowns“ mit Clarke Ruth. Welche Stimme er hat – und wie er diesen Klassiker interpretierte! Das war für mich kaum zu toppen.
Beim nächsten Stück dachte ich zunächst: Och nee, bitte nicht schon wieder die Liverpool-Hymne „You’ll Never Walk Alone“, die man auch in Dortmund und Mainz oft hört. Doch in diesem Arrangement mit Tenor Ferdinand Keller und unserem Philharmonischen Orchester wurde daraus etwas Besonderes. Ich würde den drei Vereinen raten, diese Version vom „kleinen“ Orchester aufzunehmen und zu nutzen. Heike, eigentlich Toten-Hosen-Fan und an Campinos Version gewöhnt, fand diese Interpretation sogar die beste bisher.
„My Fair Lady“ mit Annika Gerhards war ein Genuss: Stimme, Mimik, dieses Freche – einfach wunderbar. Dazu das Orchester, und ich könnte es in Dauerschleife hören.
Es folgte Filmmusik, unter anderem das Medley „Die Maske des Zorro“ von James Horner. Als Filmmusikfan genoss ich diese Stimmungen, die die Musik einfängt. Besonders schön waren die Filmausschnitte und die immer wieder eingeblendeten Nahaufnahmen der Musiker. Man sah, wie anstrengend, aber zugleich mit wie viel Freude und Leichtigkeit sie die schwierigen Passagen spielten – nicht nur bei diesem, sondern bei allen Stücken des Abends. Die Konzentration der Klarinette, die Energie und Hingabe, die Fingerfertigkeit von Asia Safikhanova bei Rossinis „Die diebische Elster“ – all das war beeindruckend. Durch die Kamerafahrten und die Bildschirme konnte man diese Präzision so klar sehen, wie nie zuvor: beim Schlagwerk, beim Fagott, bei den Blechbläsern und bei den Streichern. Als dann noch „Der Pate“ erklang, war das für mich ebenfalls ein Highlight. Ich liebe diesen Soundtrack von Nino Rota, einem meiner Meinung nach viel zu oft unterschätzten Komponisten.
Nach einer kurzen Pause ging es mit dem Walzer aus Gounods „Faust“ weiter. Ein Stück, das ich zwar gehört, aber aus den Augen und Ohren verloren hatte. Das Medley aus „Aladdin“ war eine willkommene Abwechslung. Bei der Anmoderation hatte ich kurz befürchtet, wieder die allzu oft gespielten Stücke zu hören, aber genau das war nicht der Fall. Zumindest habe ich Aladdin noch nicht so häufig gehört.
Clarke Ruth sorgte noch einmal für einen besonderen Lacher bei Flotow („Martha“), als er den Text leicht abänderte. Es ging um Bier und den Eisvogel, und es wurde scherzhaft das Licher Bier und das Stadttheater Gießen ins Spiel gebracht. Solche kleinen Einlagen machten Spaß.
Aus der Operette „Die Fledermaus“ lud man Gäste ein; Elisabeth Wrede zeigte hier eine neue Leichtigkeit in Mimik und Gestik. Wenn ich das kritisch anmerke, dann nur im Vergleich zu Annika Gerhards und Clarke Ruth, die sehr hohe Maßstäbe setzen. Ich denke aber, dass Elisabeth Wrede in den kommenden Monaten noch einen großen Schritt machen wird.
Das Medley aus „Fluch der Karibik“ war toll. Ich habe auch schon verschiedene Versionen gehört, aber diese war anders und genau richtig für dieses Orchester. Und als „Conquest of Paradise“ von Vangelis begann, war es um mich geschehen. Die Kombination aus vier Stimmen und Orchester rührte mich zu Tränen.
Zum Abschluss gab es zwei Zugaben: einmal „The Magnificent Seven“, was ich lange nicht mehr gehört hatte, und dann „Time to Say Goodbye“ mit Annika Gerhards und Ferdinand Keller. Die minutenlangen Standing Ovations waren folgerichtig. Jeder Künstler auf der Bühne und auch die Menschen hinter den Kulissen haben einen großartigen Job gemacht.
Ich schließe mich Stefan Frech an: Macht daraus eine lange, richtige Tradition – egal, ob als Eröffnung des Kultursommers Gießen oder als Abschluss. Es ist ein rundum tolles Event, und ich hoffe, dass die Menschen wieder mehr gemeinsam Konzerte und Veranstaltungen erleben. Nur so können Veranstalter wie das Konzertbüro Bahl oder das Stadttheater dieses hohe Niveau halten. Es macht so viel aus, Veranstaltungen gemeinsam zu erleben, zusammen zu lachen, zu tanzen oder einfach Zeit miteinander zu verbringen. Der Mensch ist nicht für ständiges Alleinsein geschaffen. Besucht die Veranstaltungen vor Ort. Wenn etwas in der Nachbarschaft stattfindet und mal lauter ist, ruft nicht sofort die Polizei oder das Ordnungsamt, sondern sagt: „Ich wohne hier in der Nähe“. Redet miteinander, trinkt ein Bier zusammen, macht etwas gemeinsam statt getrennt. So ähnlich hat es auch Moderator Stefan Frech ausgedrückt: Wir müssen wieder mehr gemeinsam erleben, und es gibt so viele tolle Angebote in jedem Ort. Besucht sie einfach.