Jakob der Lügner

[Theater] Drei Stunden, die einen nicht mehr loslassen – „Jakob der Lügner“ in Gießen

Die erste Premiere der Spielzeit im Stadttheater Gießen war „Jakob der Lügner“. Die Einführung von Tim Kahn war wie gewohnt. Er schafft es immer wieder, einen zu catchen und einem gleichzeitig alles zu erklären. Es ist interessant, dass dieser Stoff ursprünglich als Drehbuch gedacht war, die DEFA aber ablehnte. Erst nach der Buchveröffentlichung wurde er verfilmt und brachte der DEFA ihre einzige Oscarnominierung ein.


Ebenso erzählte er, wie das Buch entstand. Auch der Autor Jurek Becker lebte selbst ein wenig mit einer Lüge, denn sein Vater hatte ihn, um ihn zu schützen, älter gemacht – und diese Lüge so konsequent durchgezogen, so dass er irgendwann das genaue Geburtsdatum seines eigenen Sohnes nicht mehr kannte.


Kahn machte auch darauf aufmerksam, wie wichtig es ist, die eigene Geschichte zu kennen. Man darf nicht vergessen, dass wir Menschen in ein Getto gepfercht und ihre Rechte immer mehr beschnitten haben. Das beginnt mit Kleinigkeiten wie keine Bäume im Getto, keine Gewürze, keine Pflanzen und es geht weiter mit dem Verbot von Zeitungen und Radios. Die Spirale dreht sich weiter bis in die gezielte Vernichtung des Menschen.

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© Christian Schuller


Und da sind wir schon mitten im Thema. Wir lernen Jakob Heym kennen, gespielt von Levent Kelleli, der durch Zufall eine Radiosendung mitbekommt: die Truppen der Gegner des Deutschen Reichs sollen nur noch 20 Kilometer entfernt sein. Er erzählt es im Getto und wird gefragt, woher er das wisse. Seine Antwort: aus dem Radio.


Kurz darauf fragt ihn Kowalski, gespielt von Pascal Thomas (der auch noch Siegfried spielt), ob es etwas Neues gebe. Thomas spielt das wirklich gut, wie er Jakob immer wieder nach Infos bedrängt. Es müsse doch noch etwas geben. Dieses Gefühl, ständig bedrängt zu werden, bis man irgendwann nachgibt und einfach irgendetwas erzählt, kenne ich nur zu gut.

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Durch das Ausschmücken wird die Geschichte für viele zu einem Hoffnungsschimmer – auch für Jakobs Ziehtochter Lina, gespielt von Dascha Ivanova. Wie sie dieses Mädchen spielt, nimmt man ihr wirklich ab. Ich habe sie in den letzten Jahren immer wieder gesehen und fand, dass sie stetig besser wurde – die Rolle habe ich ihr eigentlich immer geglaubt. Sie verkörpert dieses schwer kranke Mädchen, das bei Jakob im Getto wohnt, wirklich überzeugend.


Um Lina kümmert sich Prof. Kirschbaum, gespielt von Roman Kurtz – ein jüdischer Herzspezialist und Arzt im Getto, der sich immer wieder um die Menschen sorgt und auch Jakob ins Gewissen redet, nicht zu viel zu erzählen. Doch Jakob merkt, dass seine Geschichten den Menschen guttun und es dadurch weniger Selbstmorde im Getto gibt. Prof. Kirschbaum wohnt mit seiner Schwester Elisa zusammen, gespielt von Izabella Radić.


Fehlen nur noch Mischa, gespielt von Max Koltai, und Rosa Frankfurter, in die er verliebt ist und mit der er eine Beziehung führt. Die Familie Frankfurter, eine Schauspielerfamilie, besteht aus dem Vater und Frau Frankfurter, gespielt von Roman Kurtz und Izabella Radić. Die Liebe zwischen Mischa und Rosa im Getto ist etwas Besonderes. Sie ist voller Freude und Wärme, getragen von der Hoffnung, bald befreit zu werden.


Jakob schwindelt immer weiter und meint es eigentlich nur gut. Doch je länger es dauert, desto weniger glauben ihm die Menschen, und die Hoffnungslosigkeit kehrt zunehmend zurück.


Trotzdem gibt es immer wieder komische Momente, auch wenn das Beklemmende stets gegenwärtig bleibt. Die Zeit verfliegt dabei komplett.
Ich finde es wichtig, dass so ein Stück gesehen wird. Es ist anstrengend, es auszuhalten. Durch die Musik und die Bewegungen der Schauspieler wird man richtig in die Geschichte hineingezogen. Es lässt einen nicht mehr los.


Besonders mitgenommen hat mich die Sache mit dem Radio. Wie wichtig dies ist. Wie es ist, wenn es keinen freien Journalismus mehr gibt. Ich arbeite mit einigen Bürgerradios in ganz Deutschland zusammen und bekomme viel davon mit, was gerade in der Branche los ist. Vor allem Radio Corax in Halle und Radio Slubfurth in Frankfurt/Oder berichten mir immer wieder, was die AfD gegen solche Radios unternimmt. Man bekommt mit, dass die Partei den öffentlichen Rundfunk einschränken will und dabei explizit gegen die kleinen Bürgerradios vorgeht, die andere Themen ansprechen oder Musik spielen, die sonst nirgendwo läuft. Es gibt vieles, wo die AfD Journalisten einschränkt – und da fällt mir Jakob auf der Toilette ein, der sich beschwert, dass es nur noch Sport und Todesanzeigen gibt, auf vier Seiten.


Die Frage, die ich mir nach diesem Abend stelle: Wollen wir es wirklich zulassen, uns nicht mehr zu trauen, andere Radio- oder Fernsehsender zu konsumieren als die, die eine bestimmte Partei gutheißt? Ich möchte einen ausgewogenen Journalismus erleben! Ich möchte nicht nur Sport und Todesanzeigen in der Zeitung sehen!


Dieses Theater regt zum Nachdenken an, bedrückt einen, beschäftigt einen. Drei Stunden erscheinen im ersten Moment viel, doch ich war erstaunt, wie schnell die Zeit verflogen ist. Es bleibt mir nichts Anderes übrig, als zu sagen: Besucht dieses Stück! Genießt die großartigen Schauspieler, die teils noch mehr Rollen gespielt haben, als ich hier aufzählen konnte – jede noch so kleine Rolle hatte besondere Momente, egal, in welchem Lager sie gerade zu verorten war.
Wenn ihr nicht aus Gießen und Umgebung kommt: Wie wäre es, ihr besucht ein Theater in eurer Gegend und macht euch euer eigenes Bild? Wenn es gerade nicht in eurer Gegend gespielt wird, holt euch das Buch!

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© Christian Schuller

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