Ich nannte ihn Krawatte

[Rezension] Ich nannte ihn Krawatte – Milena Michiko Flašar

„Ist es Zufall oder eine Entscheidung?“ – Eine poetische Reise in das Herz zweier Außenseiter.

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3–5 Minuten

Ist es Zufall oder eine Entscheidung? Auf einer Parkbank begegnen sich zwei Menschen. Der eine alt, der andere jung, zwei aus dem Rahmen Gefallene. Nach und nach erzählen sie einander ihr Leben und setzen behutsam wieder einen Fuß auf die Erde.

Nur wenige sorgfältig gewählte Worte benötigt Milena Michiko Flašar, um ihre Figuren zum Leben zu erwecken, nur wenige Szenen, um ganze Schicksale zu erzählen. Ein junger Mann verlässt sein Zimmer, in dem er offenbar lange Zeit eingeschlossen war, tastet sich durch eine fremde Welt. Eine Bank im Park wird ihm Zuflucht und Behausung, dort öffnet er die Augen, beginnt zu sprechen und teilt mit einem wildfremden Menschen seine Erinnerungen. Der andere ist viele Jahre älter, ein im Büro angestellter Salaryman wie Tausende. Er erzählt seinerseits, über Tage und Wochen hinweg, Szenen eines Lebens voller Furcht und Ohnmacht, Hoffnung und Glück. Beide sind Außenseiter, die dem Leistungsdruck nicht standhalten, die allein in der Verweigerung aktiv werden. Aus der Erfahrung, dass Zuneigung in Nahrung verpackt, Trauer im Lachen verborgen werden kann und Freundschaften möglich sind, stärken sie sich für einen endgültigen Abschied und einen Anfang.

Ich erinnere mich noch ganz genau, als Frau Wassermann vom Wagenbach Verlag mir bei einem kurzen Gespräch das Buch „Ich nannte ihn Krawatte“ mit den Worten gab: Es ist noch immer eines meiner Lieblingsbücher! Das sind immer solche Worte, die mich skeptisch machen. Aber irgendwie ließ es mich nicht los.

So, nun bin ich also in Japan in einen Park gestartet. Ich weiß nicht, wie die Stadt heißt, in der dieses Buch spielt, dies ist auch egal. Wir lernen einen Hikikomori kennen. Das sind Menschen, die sich einfach in ihr Zimmer verkriechen und von ihrer Familie ernährt werden.

Nach einer langen Zeit im Zimmer hat sich Hiro aufgemacht, wieder nach draußen zu gehen. Er setzt sich in den Park auf eine Bank. Man erfährt vieles über die Ängste und Nöte eines Hikikomori, wie er denkt und fühlt. Auch wie er am Anfang über sein Gegenüber denkt, zumindest wie es anfängt. Wie er täglich auf der gleichen Bank sitzt und wie sie sich gegenüber sitzen schweigend. Man erfährt, wie „Krawatte“ isst und sein Essen genießt. Diese Beschreibung hat etwas fast hypnotisches, aber es ist auch kraftvoll mit einer wunderschönen Sprache.

Es wird so spannend, als sie sich unterhalten und sich gegenseitig zuhören. Es ist eine tiefe Vertrautheit, die man nach ein paar weiteren Tagen zwischen den beiden zwischen den Zeilen spürt. Man liest wie Hiro dabei ist, als sein bester Freund verunglückt und nicht mehr in die Schule kommt. Kurz darauf wird aus Hiro ein Hikikomori und man muss sich einfach mal vorstellen, dass der Sohn auf einmal nicht mehr aus seinem Zimmer kommt. Was das auch für eine Belastung für die Eltern ist. Er schweigt und achtet darauf, dass wenn er aus dem Zimmer geht, niemand im Haus ist.

Diese Vorwürfe, die er sich macht, werden bei der Unterhaltung immer greifbarer, vor allem als er über Yuki erzählt und ihrer Familie und das Mobbing beschreibt, was er ja nicht gesehen hat, da er immer weggeschaut hat, bis sie sich dann in den Tod gestürzt hat.

Genauso wie Krawatte erzählt, wie das mit seinem Sohn war, als dieser geboren wurde und verstarb.

Es sind viele schockierende Momente dabei, die klar machen, warum beide so sind wie sie sind. Und warum sie sich auf dieser Parkbank erst gegenüber sitzen und sich dann doch eine Parkbank teilen.

Man muss immer wieder bei dem Buch schlucken, aber es ist dann doch diese Sprache die einen immer weiter reinzieht in diese Geschichte. Ich lernte die Frau von Krawatte kennen und auch die Familie von Hiro. Zum einen die Einsamkeit der beiden, aber auch immer wieder diese Lebensbejahende. Aber auch, dass man sich nicht nur immer wieder vornehmen soll etwas zu tun oder zu sagen, sondern es zu macht, wenn einem danach ist. Nicht wegzusehen, wenn andere gemobbt werden. Für seine Freunde einzustehen, denn wenn man es nicht macht, dann kann es sein, dass man auf einmal einen Freund oder Freundin verliert.

Ganz ehrlich, ich hätte dieses Buch vielleicht schon ein paar Jahre früher lesen sollen, denn viele Dinge habe ich an mir selbst gesehen. Vielleicht ist es manchmal so, dass ein Buch zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem findet. Wenn man vielleicht mal die Gesellschaft ein wenig hinterfragen möchte, oder jemanden in der Familie mit psychischen Problemen hat, und auf Bücher steht, die eine besondere Kraft haben, dann kann ich euch „Ich nannte ihn Krawatte“ nur ans Herz legen.

Ich nannte ihn Krawatte

Titel: Ich nannte ihn Krawatte

Autor/In: Flašar, Milena Michiko
ISBN: 978-3-8031-2829-4
Verlag: Klaus Wagenbach Verlag
Preis: 12,00€
Erscheinungsdatum: 24. September 2020

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Ich erinnere mich noch ganz genau, als Frau Wassermann vom Wagenbach Verlag mir bei einem kurzen Gespräch das Buch „Ich nannte ihn Krawatte“ mit den Worten gab: Es ist noch immer eines meiner Lieblingsbücher! Das sind immer solche Worte, die mich skeptisch machen. Aber irgendwie ließ es mich nicht los.

URL: https://literaturlounge.eu/2026/01/rezension-ich-nannte-ihn-krawatte-milena-michiko-flasar/

Autor: LiteraturLounge

Name: Ich nannte ihn Krawatte

Autor: Milena Michiko Flašar

ISBN: 978-3-8031-2829-4

Veröffentlichungsdatum: 2020-09-24

Format: https://schema.org/Paperback

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