[Musik] Zwischen Broadway und Böhmerwald: Natasha Korsakova und die Kunst des Grenzgangs
Ein Konzertsaal, ein Abend, eine Geigerin – und die Erwartung, es werde ein Gershwin-Abend. Wer die CD „Natasha Korsakova Plays Gershwin & More“ zum ersten Mal auflegt, wird schnell merken: Das Programm hält sich nicht an das Versprechen des Titels, und genau darin liegt sein Reiz.
Man muss dafür kurz zurückblenden. Als George Gershwin in den 1920er- und 30er-Jahren seine Musik schrieb, tat er etwas, das den strengen Konzertsälen seiner Zeit fremd war: Er ließ Jazz und klassische Form miteinander verschmelzen, ohne um Erlaubnis zu fragen. Diese Unbekümmertheit ist es, die Korsakova 2010 als Ausgangspunkt für ein Album wählt, das mit dieser Grenzüberschreitung nicht aufhört, sondern sie fortsetzt.
Der Hörer erlebt das Programm wie eine Reise durch verschiedene Länder und Jahrzehnte. Es beginnt mit Gershwins urbaner, rhythmisch geschärfter Klangwelt – man hört förmlich die Straßen New Yorks mitschwingen. Dann, kaum hat man sich an diese Leichtigkeit gewöhnt, wechselt Korsakova mit Antonín Dvořáks Romance in eine völlig andere Tonlage: warm, gesanglich, von jener kantablen Linie getragen, die die Spätromantik so unverwechselbar macht. Es folgt Samuel Coleridge-Taylor mit seiner „Legend“ – ein Komponist, den man heute kaum noch kennt, dessen spätromantische Klangfülle aber beweist, wie viel an Repertoire abseits der bekannten Namen zu entdecken bleibt. Den Schlusspunkt setzt Daniel Schnyder mit seinem Konzert „Mozart in China“, unter der Leitung von Charles Olivieri-Munroe – ein Werk, das mit seinem Titel bereits ankündigt, dass hier zwei Kulturräume aufeinandertreffen, und das die Geigerin in eine deutlich modernere, rhythmisch komplexere Tonsprache zwingt.
Was diese Dramaturgie eigentlich verhandelt, ist eine Frage, die weit über die Musik hinausreicht: Wie viel Vermischung verträgt eine Kunstform, ohne ihre Identität zu verlieren? Korsakova beantwortet das nicht mit Worten, sondern mit ihrem Bogenstrich – mit der Bereitschaft, die eigene Virtuosität in den Dienst ganz unterschiedlicher musikalischer Sprachen zu stellen. In einer Zeit, die oft nach klaren Schubladen verlangt, ist das eine kleine, aber bemerkenswerte Widerrede.
Wer wissen will, wie viele Klangwelten in eine einzige Geige passen, sollte sich dieses Album nicht entgehen lassen – und sich, wenigstens für einen Abend, von der Erwartung verabschieden, es handle sich hier nur um Gershwin.