Orchester

[Konzert] Russische Seelenlandschaften: Kreide, Klavier und Winterträume in Gießen

Das 2. Sinfoniekonzert am Stadttheater Gießen stand diesmal ganz im Zeichen russischer Komponisten. Sofia Asgatowna Gubaidulina, Sergei Prokofjew und Pjotr Iljitsch Tschaikowski gaben sich musikalisch die Ehre.


Wie immer lohnte sich der frühe Besuch, denn die Einführung übernahm Generalmusikdirektor Andreas Schüller, dem ich ehrlich gesagt stundenlang zuhören oder mit dem ich diskutieren könnte. Zunächst erfuhren wir, wie häufig Prokofjews Klavierkonzert Nr. 3 aufgeführt wird. Schüller erwähnte außerdem, dass der Solist des Abends, Wataru Hisasue, schon mehrfach am Stadttheater Gießen zu Gast war, obwohl er weltweit auftritt und einen engen Terminkalender hat. Hisasue spiele genau dieses Konzert besonders gern. Es sei schnell, fordernd, eines, bei dem man, so Schüller, „mit dem Kopf durch die Wand will“.


Gubaidulina war in Gießen schon einmal im Sinfoniekonzert zu hören. Diesmal erklang ihr „Märchenpoem“ für Orchester aus dem Jahr 1971. Ihm liegt das Märchen „Das Stück Kreide“ des tschechischen Autors Miloš Macourek zugrunde. Es erzählt von einem Stück Schulkreide, das davon träumt, Schlösser, die Sonne und andere schöne Dinge zu malen, statt in der Schule nur nüchterne Buchstaben und geometrische Figuren. Kinder der 80er kennen von Macourek vielleicht die Serien „Die Märchenbraut“ oder „Der Zauberrabe Rumburak“. Entschuldigung, hier hat mein innerer Märchen- und Büchernerd kurz das Wort ergriffen. Warum ich gerade dieses Märchen kannte, ist eine längere Geschichte, die nicht hierher gehört. Nur so viel: Herr Schüller hat es exakt so wiedergegeben, wie ich es in Erinnerung hatte.


Den Abschluss der Einführung bildete Tschaikowskis Sinfonie Nr. 1. Schüller schilderte sein Leben, die lange Zeit, die er für dieses Werk benötigte, und ging auch auf seine wahrscheinliche psychische Erkrankung ein. Mir kam diese Arbeitsweise sehr bekannt vor, vor allem die enorme Leistungsbereitschaft in der manischen Phase. Manische Phasen bringen zwar auch ihre eigenen Probleme mit sich, aber das Positive daran ist, dass man teilweise tagelang durcharbeiten kann, ohne müde zu werden. Das lässt sich ein wenig nutzen, wenn man etwas noch in der Nacht fertig schreiben möchte. Eine psychische Erkrankung ist nichts Gutes. Mit Blick auf die Geschichte ist allerdings festzustellen, dass es einige große Künstler gibt, die (vermutlich) daran erkrankt waren. Ich fand das alles äußerst interessant. Bei seiner Werbeeinlage zum Schluss musste ich Schüller uneingeschränkt zustimmen: Die Menschen sollten unbedingt in „Maria de Rudenz“ gehen, eine wirkliche Perle im Stadttheater Gießen.


Weitere Perlen folgten an diesem Abend. Er begann mit dem „Märchenpoem“, und ich habe tatsächlich das Leben der Kreide gehört. Geige, Harfe, Klavier, Flöte und Klarinette zeichneten die verschiedenen Facetten des kleinen Märchenhelden nach, und was die Musikerinnen und Musiker dabei leisteten, war besonders. Diese sphärischen Klänge sind mir immer wieder ein Rätsel. Ich verstehe nicht, wie man sie erzeugt. Ich gebe offen zu, dass einen ganzen Abend lang diese Musik, nicht meine erste Wahl wäre. Trotzdem war es ein Erlebnis, wie filigran das Orchester dieses Stück Kreide zum Leben erweckte. Man hörte die Freude darin. Solche Momente muss man erleben, nicht zu Hause, sondern live im Theater bei einem tollen Orchester. Für dieses kleine „Wagnis“ bin ich jederzeit bereit.


Prokofjews Klavierkonzert Nr. 3 gehört zu den meistgespielten der Welt. Nach einem kurzen Umbau nahm Wataru Hisasue am Flügel Platz. Ich hatte das Stück zu Hause schon gehört und dabei dieses „Mit dem Kopf durch die Wand“ nicht so recht wahrgenommen. Hisasue wirkt im ersten Moment noch immer sehr zart. Sobald er aber vor dem Instrument sitzt, geschieht das, was man bei vielen großen Musikern erlebt, und im Zusammenspiel mit dem Orchester wird es noch sicht- und hörbarer. Mal spielt er schnell und fest, dann wieder entspannt und mit einer solchen Zärtlichkeit, dass man meint, Solist und Orchester musizierten täglich zusammen.


Man merkt ihm die Anstrengung an. Zwischen den Sätzen musste er sich den Schweiß aus dem Gesicht wischen. Schon bei seinen letzten Auftritten ist mir aufgefallen, dass er alles auf der Bühne lässt, jedes Gefühl, alle Energie, und man sieht die Freude, die er dabei empfindet. Ebenso strahlte das Orchester. Alle waren stolz darauf, einander Raum zu geben, sodass jedes Instrument glänzen konnte, nicht nur der Solist.


Als Zugabe spielte Hisasue Tschaikowskis „Nathalie-Valse“ op. 51, Nr. 4. Das Stück kannte ich bis dahin nicht, und dieser Walzer hat mich völlig mitgerissen. Ob es an Hisasues Spielart lag oder an Tschaikowski selbst, kann ich nicht sagen, vermutlich war es eine Mischung aus beidem. Jedenfalls ging ich wie auf Wolken in die Pause, tiefenentspannt, glücklich und mit der Welt im Reinen. Jeder einzelne Applaus vor der Pause war redlich verdient.


Nach der Pause erklang Tschaikowskis erste Sinfonie, die den Beinamen „Winterträume“ trägt. Vor allem in den ersten beiden Sätzen spürt man das Winterliche, ja fast Herbstliche. Vieles ist mir in Erinnerung geblieben, das Spiel der Flöten, nicht nur der ersten, sondern auch der zweiten. Das Fagott war immer auf den Punkt, und ich frage mich, wie ich dieses Instrument bisher so oft übersehen und überhören konnte. Bei der Oboe fragte ich mich, wie wunderbar der Klang eines einzelnen Instruments sein kann. Besonders berührend fand ich die „Gespräche“ zwischen Oboe und Querflöte, wie zwei Schneeflocken. Das Blech war kraftvoll und strahlend, wie die klirrende Kälte des russischen Winters. Ich bekomme schon wieder Gänsehaut, wenn ich nur daran denke. Jede und jeder in der zweiten Reihe hinter den Streichern hatte seinen Highlight-Moment.


Den lautesten Applaus bekam, zumindest nach meinem Empfinden, das Schlagwerk. Minutenlang wurde geklatscht, und ich könnte über diesen Abend noch viel mehr erzählen: über die Momente des Cellos, der Viola und der Geigen, über die Kontrabässe. Es war ein Konzert von über zwei Stunden, in dem jeder gefordert wurde, und nur durch das Gemeinsame konnte jeder glänzen. Vielleicht ist das nicht jedermanns Musik, besonders die sphärischen Klänge Gubaidulinas sind speziell. Ich habe es genossen.


Nicht genossen habe ich, dass wieder einmal jemand sein Smartphone nicht ausgeschaltet hatte. Es war zwar leise, störte aber trotzdem, vor allem, wenn lange Zeit auf das Display geschaut wird. Man könnte vermuten, es sei ein junger Mensch gewesen, schließlich waren einige jüngere Besucher im Saal. Nein, es war ein älterer Herr in der Reihe vor mir. Wie wäre es also mal mit Abschalten? Dann könnten alle diesen außergewöhnlichen Abend ungestört genießen.


Es war ein Abend, an dem jeder Musiker und jede Musikerin im Orchester seinen Moment hatte, von der märchenhaften Kreide über einen mitreißenden Hisasue bis zu Tschaikowskis Winterträumen. Wer Live-Musik noch nicht für sich entdeckt hat, sollte genau solche Abende ausprobieren, und das Handy bleibt dabei bitte stumm in der Tasche.

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